Wie ein israelischer Biologe meine Sicht auf meine Behinderung verändert hat

In einem Interview wurde ich vor einiger Zeit gefragt, ob es einen konkreten Zeitpunkt in meinem Leben gab an dem sich meine Sicht auf meine Behinderung vom Negativen ins Positive verändert hat. Die Frage erinnerte mich an einen Moment den ich komplett vergessen hatte.

Wie ein israelischer Biologe meine Sicht auf meine Behinderung verändert hat

Es war der Moment, an dem ich über die Arbeiten von Amotz Zahavi, einem israelischen Biologen gelesen hatte. Er postulierte die Idee des Handicap Prinzips in der Mitte der 70er Jahre. Damals wurde es meist ignoriert, aber in den letzten Jahren hat es einiges an Aufmerksamkeit gewonnen. Darüber zu lesen lies ein Feuerwerk in meinem Kopf los gehen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Verständnis meiner Behinderung folgendes:

  1. Es ist Pech, aber jetzt wo ich’s nun mal habe muss ich das Beste daraus machen.
  2. Es ist ein Makel den ich kompensieren muss.
  3. Ich muss überall 150% geben, um genauso gut zu sein wie jeder andere.

Leider musste meine Erklärung damals ziemlich verwirrend gewesen sein, und ich hatte das Gefühl, dass es im gedruckten Interview nicht richtig rüber kam. Also versuch ich’s jetzt noch mal. Ich bleibe bei dem Wichtigsten und lasse viel Drumherum weg. Da werden wohl auch ein paar Wörter drin sein, die die Kinderschutz Software auf eurem Computer BING! sagen lassen.

Aber hey, ist alles im Namen der Wissenschaft.

Okay, lasst mich erstmal das Prinzip an sich beschreiben, bevor ich erkläre wie es meine Sicht auf meine Behinderung um 180 Grad gedreht hat. Ich vermute, dass ihr bis dahin wahrscheinlich selber drauf gekommen seit.


Dating, Singen und Baby Käfer machen

Alles geht zurück auf den guten alten Charles Darwin und all die Missverständnisse die wir über ihn haben. Wie dieses hier: das erste, was Leute machen wenn sie den Namen Darwin hören ist, sie schauen von ihrem Drink hoch und murmeln: “Oh ja, das Überleben des Stärksten.” Das ist schon das erste Missverständnis. Darwin hat das nie gesagt – das war Herbert Spencer, der es für seine eigenen Arbeiten uminterpretierte. Darwin redete von der natürlichen Auslese. Einfach gesagt bedeutet das: wenn ein Tier nicht fit genug ist in seiner Umgebung zu überleben, dann wird es Zeit an das goldene Tor im Himmel zu klopfen und jemand anderem sein Nest hier unten zu überlassen. Indem sie die Schwachen aussortiert, bleibt eine Spezies am Laufen (oder Schwimmen, Fliegen, Rumstehen und niedlich aussehen, etc.)

Aber das war nicht seine einzige Entdeckung. Seine Theorie der natürlichen Auslese steht neben einer anderen, einer die noch grösser und kurioser ist – und dem Laien selbst heute noch meist unbekannt. Darwin, mit seinem Stift und Zeichenblock auf dem Schoss, konnte einfach nicht verstehen warum, wenn Überleben so wichtig für das Bestehen einer Spezies sein soll, so viele Tiere – so ziemlich alle! – mit ihren Ressourcen (Zeit, Essen, Kraft, Sicherheit, etc.) so verschwenderisch umgingen als wären sie ein Playboy Milliardär auf einem Wochenendtrip in Las Vegas.

Ein Vogel, ohne jegliche Möglichkeit sich zu verteidigen sticht trotzdem in den grellsten Farben aus der Umgebung heraus, wenn langweilige Tarnfarben so viel nützlicher wären. Anstatt irgendwo in einem Baumloch zu sitzen, ihren Schnabel zu halten und froh zu sein einen weiteren Tag am Leben zu sein, sitzen sie auf Baumwipfeln und quietschen sich ihre kleinen Lungen aus dem Leib. Für einen hungriges Raubtier ist das das Gegenstück zu einem Burger, der auf euren Esstisch hüpft und ruft: “Hier bin ich, und kostenlos!”. Und vom Pfau will ich gar nicht erst reden – aus Überlebenssicht macht deren Schweif so viel Sinn wie Kettenrauchen. Der japanische Nashornkäfer hat ein riesiges Horn am Kopf das so unpraktisch ist (nein, sie kämpfen nicht damit), dass man sich wundert wie die jeden Tag auf die Arbeit kommen. Aber es sind nicht nur Verzierungen und Gesänge, es ist auch verschwenderisches Verhalten: Die Thomson Gazelle (und andere auch) rennen nicht einfach von Löwen davon wenn die Hunger haben, sondern sie rennen um sie herum, und dopsen vor ihnen her wie ein Kind das ein Wochenende lang allein in einer Süssigkeitenfabrik eingesperrt war. Die Lebensversicherung der Gazellen schreibt das sicherlich als Selbstmord ab.

Wenn es nur um’s Überleben geht, dann wäre es das schlaueste, grau, ruhig und unbeweglich irgendwo in einer Höhle zu sitzen und Nachmittags TV zu gucken bis Gevatter Tod irgendwann an die Tür klopft. So überlebt man lange. Und nicht, indem man grell genug ist um in der Nacht zu leuchten und dann auf einer Baumspitze sitzt und so laut vor sich hin schreit, dass jeder Liebhaber einer frischen Mahlzeit im Umkreis von fünf Kilometern auf einen aufmerksam wird. Und auch nicht, indem man so viele lange, blauäugige Federn am Hintern hat, dass man kaum vor Raubtieren wegrennen kann.

Das war es, was Darwin festgestellt hat: Der Spezies geht es nicht nur ums Überleben. Das ist nur die Hintergrundmusik. Die Grundlage, die sie erreichen muss um beim Spiel des Lebens mit dabei sein zu können. Im Spiel selbst geht es dann darum, Baby Vögel, Baby Gazellen oder Baby Nashornkäfer zu machen, oder was auch immer sonst so auf der Liste steht. Welche Spezies nicht in der Lage ist länger als 30 Sekunden zu überleben – das tierische Gegenstück zu einem Abendessen bei Kerzenlicht und fröhlichem Rumgemache – die braucht sich gar nicht erst bei einer Dating Webseite anzumelden. Wenn aber dieses Überlebensding erstmal unter Dach und Fach ist, und die Essensbeschaffung und ein Schlafplatz und der ganze Kram organisiert ist, dann kommt die Frage: Wer aus der Spezies wird ein Kinderzimmer tapezieren und bevölkern, und wer liegt alleine im Nest und liest Liebesromane?

“Einfach”, sagt ihr, “die die am stärksten sind!” Naja, ja – aber da sind wir wieder am Anfang. Lasst uns mal annehmen, dass jeder, der es soweit geschafft hat, sich für den Dating Newsletter anzumelden, stark genug ist zu überleben. Wie entscheidet die gute Mutter Natur jetzt, wessen Gene noch mal eine weitere Runde in der nächsten Generation drehen dürfen? (Wir lassen mal die paar Spezies aussen vor, die darum kämpfen.)

Die Antwort ist – Trommelwirbel! – Verschwenderischer Verbrauch. Oder: wenn jeder stark genug ist um zu überleben, dann ist derjenige, der es sich leisten kann am verschwenderischten zu sein, ganz klar der Stärkste.

Es ist eine Sache, Futter zu finden und seinen Tag zu beschreiten und hin und wieder mal von einem Raubtier davon zu flitzen. Es ist eine andere Sache das zu machen, während man sich die Lunge aus dem Hals zwitschert und grell leuchtet.

Wer wird wohl bei Deutschland sucht den Superstar gewinnen: Gazelle Harry, der von der anrückenden Löwenbande abhaut wie jeder andere der in der Savanne arbeitet – oder Gazelle Geoffrey, der fröhlich zwischen den Löwen hin und her hüpft nur um seinen Standpunkt zu vertreten? Hätten Gazellen Mittelfinger, würden die Löwen wohl sehr viel von seinen sehen.

Es ist eine Sache lässig im Tierreich abzuhängen, und eine ganz andere dort lässig abzuhängen während man riesige und schwere Federn am Arsch hat die total nutzlos sind (ausser dass die Pfauendamen drauf stehen, und zwar genau deshalb).

Das sind alles Behinderungen auf die die Natur gekommen ist, um ihre eigene Talentshow auszurichten. Um herauszufinden, wer’s wirklich raus hat. Und das gesamte Tierreich schaut zu – bei der grössten Show der Welt.

Wenn jeder in einer gegebenen Umgebung zurecht kommt, dann ist derjenige mit der grössten Behinderung der Beste.

Und das war es, was meine Sicht auf meine Behinderung verändert hat.

Wenn ich im Leben genauso gut zurecht komme wie jeder andere auch, obwohl ich eine Behinderung habe – dann bin ich unter den besten von allen. Ich brauche keine 150% in der Schule, Arbeit und sonst überall zu geben um mitzuhalten. Wenn ich genauso viel gebe wie jeder andere auch bin ich schon allen um Längen voraus. Das war ein plötzliches und riesiges Umdenken für mich. Das Verständnis meiner Behinderung war komplett verändert.

Ich hatte meine Behinderung als Makel gesehen. Jetzt sehe ich sie als meinen Pfauenschweif. Meinen Vogelgesang. Meine springende Gazelle.

(Und manchmal, als meinen Mittelfinger.)

Die Natur macht das überall! Je offensichtlicher die Behinderung, je mehr Ressourcen scheinbar verschwendet werden, desto stärker ist der Träger. Ausser halt, man wird gefressen. Das ist genauso der Fall für Pfauen und Gazellen wie auch für Leute mit Parkprivilegien. Und nachdem ihr diesen Text hier lest, seit ihr wohl noch nicht gefressen worden.

Willkommen bei den Besten.

Ich habe hier das Handicap Principle nur überflogen und einen winzigen Aspekt davon erklärt – den einen Punkt der meine Sicht auf meine Behinderung so sehr verändert hat. Ich habe so viel mehr ausgelassen, sowohl bei Zahavi’s Prinzip als auch Darwin’s Selektionstheorien. Wenn ihr mehr lesen wollt, findet ihr mehr über das Handicap Prinzip auf Wikipedia oder in diesem grossartigen Buch: Signale der Verständigung: Das Handicap-Prinzip. Und als kurze, aber faszinierende Randnotiz: solltet ihr euch fragen warum Menschen keine bunten Federn haben oder auf sonstige Art und Weise irgendwie hervorstehen – hört euch doch mal Beethovens Symphonien an, besucht die Sixtinische Kapelle oder lest Rilke’s Gedichte. Die Sexuelle Evolution ist ein faszinierendes Buch darüber.

Oder ihr fragt einfach in den Kommentaren…

 

Text ©Michael Herold  Safe Creative #1401030108879
Bild ©iStock.com/AlexeyVis

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