Tirol, ein Rollstuhl-Märchen oder: der mit der Kuh fährt

Im Sommer 2013 habe ich meinen elektrischen Rollstuhl bekommen. Was würdet ihr mit einem brandneuen Rollstuhl machen? Ich bin auf die Mountainbike Strecken in Tirol um herauszufinden was er kann.

A Wheelchair Adventure in Austria - BlogImage

Das war aber eher ein Zufall – ein Freund übernachtete bei mir auf seinem Weg zu einem Campingplatz in Österreich. Beim Frühstück am nächsten Morgen kam es zu folgender Unterhaltung:

Artur: (schlürft Kaffee) “Warum kommste nicht einfach mit?”
Michael: (Brotkrümel fliegen durch die Luft) “Wenn mein Rollstuhl in dein Auto passt, bin ich dabei.”

Fünfzehn Minuten später, durch das geöffnete Küchenfenster:
Artur: “Er ist drin!”
Michael: “Ok, ich geh packen.”

Und so war es entschieden.

A Wheelchair Adventure in Austria - Luggage

Kofferraum ohne Mountainbike

Eine Stunde später waren wir unterwegs, das Auto bis oben hin voll gepackt mit einem zerlegten Rollstuhl, einem zerlegten Mountainbike und Kleidern. Die komplett falschen, wie ich bald herausfand. (Es gibt viel was man darüber sagen könnte, an einem sommerlichen Morgen im August zu packen, wenn das Reiseziel 1500m höher in einem Bergdorf in Österreich liegt. Aber die Sache die man wahrscheinlich sagen wird, ist: “Na, ich habe fünf T-Shirts und eine Sweater eingepackt, also ziehe ich das am besten alles auf einmal an.”)

Wir hatten noch keinen Plan, wo wir bleiben würden. Nur die ursprüngliche Idee mit einem Campingplatz war vom Tisch. All die Camping Ausrüstung musste aus dem Kofferraum um Platz für mein Fahrzeug zu machen. Eine Tatsache über die ich ganz froh war – ich mag ein weiches Bett und warme Duschen.

A Wheelchair Adventure in Austria - Panorama

Als wir ein paar Stunden später durch die kurvigen Bergstrassen Tirols fuhren, bekamen wir einen Ausblick auf das was uns erwartete. Es versprach spassig zu werden. Wir hatten uns für die Paznaun Gegend und eine ihrer drei Städte entschieden: Galtür, das international bekannte Ischgl und Kappl. Wir kamen am Nachmittag in Galtür an und machten uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Das Vorgehen war folgendes: wir würde vor einem Hotel parken und Artur würde rein gehen um zu schauen, wie rollstuhlgerecht das alles ist, während ich im Auto blieb und die Gummibärchen futterte, die wir für die Fahrt gepackt hatten. Nach einigen Hotels und zwei Tüten Gummibären hatten wir mit der Pension Hochgaltür ein idyllisches Hotel am Rande der Stadt gefunden, hoch auf einem Berg.

A Wheelchair-Adventure in Austria - Balcony

Die Sicht vom Hotel

Es gab nur eine Stufe vor der Eingangstür und die war auf einer Seite sehr flach. Da stand aber eine grosse, hässliche Topfpflanze im Weg. Nach etwas Umdekorierung (die Pflanze kam einfach runter von der Stufe und auf den Gehweg) war der Eingang rollstuhlgerecht und wir hatten unsere Unterkunft für die nächsten acht Tage gefunden. Dass der Aufzug zu schmal für meinen Rollstuhl war machte nichts. Der blieb einfach im Foyer, neben einer Steckdose für das Ladegerät. Wir hatten ein grosses Apartment mit zwei Badezimmern, einer Küche und Balkon – für weniger als 20€/Nacht, inclusive einem grossartigen Frühstück. Das bringt wohl die Nebensaison in Österreich mit sich.

Eine andere Sache, das die Regensaison mit sich zu bringen schien, war eine Begeisterung für Regen. Deshalb war die erste Aufgabe am nächsten Tag, eine Regenjacke für mich zu finden die auch über den Rollstuhl passte. Ich hatte keine Ahnung wie wasserdicht dieser Rollstuhl war, und hatte keine Absicht in einem teuren rauchenden, dampfenden und funkenden Stuhl zu sitzen während ich langsam von 12V Batterien (auslaufsicher) frittiert wurde. Deshalb erster Stop: Sportgeschäft. Und was für einen sportlichen Auftritt ich hinlegte. Es gab einige Stufen vor dem Geschäft, aber auch eine selbstgemachte Rampe daneben. Die war ziemlich steil, und wegen der Holzoberfläche wohl auch nicht sehr griffig. Ich entschied mich meinen Weg dort hoch mit etwas Schwung zu beginnen, fuhr ein paar Meter zurück, zielte, und drückte den Steuerstick nach vorne.

Die Glastüren öffneten sich gerade rechtzeitig, als ich auf den Hinterrädern in das Geschäft flog. Mit blockierten Rädern kam ich inmitten von Ständern voller Skier und Snowboards gerade noch zum Stehen. In Momenten wie diesen, wo man die Augen eines jeden Versicherungsvertreters zum Leuchten gebracht hätte, ist es wichtig sich cool zu geben und nicht ohnmächtig zu werden. “Ich brauche eine Regenjacke, und ich brauch‘ sie schnell.” Das sollte meinen ballistischen Auftritt erklären.

Ich kaufte das einzige Model das sie da hatten, für schwindelerregende 50€. Das Ding war vermutlich auch für Tiefseetauchen und die Raumfahrt zu gebrauchen und könnte als Wing Suit verwendet werden, wenn man mal von einem Kliff springen möchte. Aber hey, ich musste die nächsten paar Tage irgendwie trocken bleiben, und Dank des hohen Preisschildes sollte es diese Jacke ja wohl hin kriegen. Über den Rollstuhl gespannt sah ich damit aus wie eine fliegende silberne Pyramide mit einem Kopf oben drauf – aber da kann man nichts machen.

Gerade als wir aus dem Geschäft kamen, öffnete sich die Wolkendecke und eine heisse Sonne prallte auf uns herunter. Das einzige was in dem Moment fehlte war ein Chor, der “Ooooouuuaaaaaah!” sang. Toll. Also kam die Regenjacke wieder runter und wurde auf dem Sitz verstaut.

Jungfernfahrt auf der MS Rollstuhl

A Wheelchair Adventure in Austria - Michael 4

Dunkle Wolken und viel Landschaft – wie an den meisten Tagen

An diesem ersten Tag machten wir uns zu einem nahegelegenen Bergsee, dem Zeinisbach, auf. Das Ziel war nahe genug, um mich erstmal an den neuen Extremsport des Rollstuhlwanderns (hier habt ihr’s zuerst gelesen!) zu gewöhnen, und mein Freund konnte sich auf seinem Mountainbike mal warm strampeln. Wir fuhren immer bergauf, auf einem Wanderweg der sich durch Wiesen schlängelte und am Anfang noch gut asphaltiert war. Bei dem warmen Sonnenschein versprach das ein angenehmer Trip zu werden. Ich muss aber an diesem Punkt zugeben, dass es mit der Zeit langweilig wird auf gerader Strecke mit 12km/h dahin zu rollen, vor allem wenn man nichts anderes zum Anschauen hat als Berge, Wiesen, Flüsse, Kühe, Ziegen, Füchse, Wildblumen, einen Wasserfall, Kuhhaufen mitten auf der Strasse, noch mehr Kühe (die sowohl schuldig als auch erleichtert aussahen), und den gelegentlichen Wanderern.

A Wheelchair Adventure in Austria - Panorama2

Der Zeinisbach mit Restaurant

 

Es wurde interessanter, als die geteerte Strasse endete und es auf groben Wegen weiter ging auf die viel Kies und Steine geworfen waren – vermutlich damit man die Strasse vom Rest der Landschaft unterscheiden konnte. Das war auch der Moment an dem ich aufhörte nur die Landschaft zu betrachten und plötzlich sehr aufpassen musste, wo ich lang fuhr. Der grobe Untergrund schüttelte meinen Rollstuhl gut durch, und ich bekam ein Gefühl dafür wie sich mein Handy fühlen muss wenn es klingelt.

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Zeinisbach, 7km von Galtür

An dem Restaurant am See angekommen, und mit einer Tasse Kaffee versorgt die immer noch in meiner Hand vibrierte, wurde es Zeit den Status Quo (oder besser: Status Rollstuhl) zu betrachten: “Mann, meine Batterien sind jetzt schon fast halb leer. Ich glaube wenn ich es wieder zurück zum Hotel schaffen will, fahre ich besser nicht noch weiter.”

Ich sah das bereits in der Stunde kommen die es gebraucht hat, hier hoch zu fahren – die Balken der Batterieanzeige plumpsten schneller um als Kühe in den Schulferien. Das war ein ziehmlicher Reinfall. Wir hatten geplant wärend unseres Urlaubs die ganzen Tage unterwegs zu sein. Es schien als wäre das jetzt abgeschrieben, da ich ja schon nach sieben Kilometern die weisse Fahne schwenken musste. Trotzdem kein Grund ein Spielverderber zu sein. Ich schickte meinen Freund mit seinem Mountainbike weiter, und ich würde hier am See bleiben und noch ein oder drei Kaffee trinken. Wir würden uns dann später wieder hier treffen und zusammen zurück fahren.

Und genau da fing es das Regnen an. “Aha!”, denke ich also, “Zeit, meinen überteuerte Regenjacke/Raumanzug/Wing-Suit anzuziehen. Vielleicht kann ich ja auf dem Parkplatz des Restaurants herumfahren und Leuten erzählen ich käme in Frieden.” Ich griff hinter mich… und sie war weg. Ich hatte sie auf dem holprigen Weg hier hoch unterwegs verloren. Welch’ Ironie. Irgendwo da unten kaute gerade eine Kuh glücklich auf meiner Jacke herum. Dann regnete es noch stärker.

Anstatt also Busladungen voller Touristen zu erschrecken, wartete ich unter einem Balkon darauf, dass mein strampelnder Kumpel zurück kam. Ich wusste nicht, was ärgerlicher war – auf dem Weg nach Hause tropfnass vom kalten Regen zu werden, oder zu wissen, dass ich 50€ ausgegeben hatte um eine Kuh zu füttern. Auf der Rückfahrt stellte ich sicher, dass ich allen von ihnen beim Vorbeifahren einen vorwurfsvollen Blick zu warf.

A Wheelchair Adventure in Austria - Michael 5

A long way home

Das Happy End des Tages war dann festzustellen, wie gut mein Rollstuhl im rekuperieren (Aufladen der Batterien) war. Zurück am Hotel, nass, durchgefrohren und elend, waren die Batterien voller als wir am See los gefahren sind. Das eröffnete ganz neue Möglichkeiten. Ich sollte Ausflüge nicht nur in Bezug auf die Strecke planen, sondern auch den Höhenunterschied mit berücksichtigen. Bergab zu fahren bedeutete nicht nur, keinen Strom zu verbrauchen, sondern dass die Batterien wieder aufgeladen wurden. So viel zum Thema Langstreckenfahrten.

Von Wolkendecken und fliehenden Balken

Am nächsten Morgen beschwerte sich jemand über Muskelkater (nicht ich, meine hatten den Tag zuvor eine lange Vibrationsbehandlung bekommen), und so gingen wir’s locker an und schauten uns Galtür an – eine Stadt mit nichtmal 800 Einwohnern, also könnt ihr euch denken wie kurz das gedauert hat. Es wurde ausserdem beissend kalt, und ich trug die Hälfte der Kleider die ich gepackt hatte gleichzeitig. Wir sammelten ein paar Landkarten an der Touristeninfo ein, und gingen zurück zum Hotel um den nächsten Ausflug zu planen. Nach einem so ruhigen Tag juckte es uns, uns das nächste Mal ans Limit zu bringen. Und das taten wir auch.

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Einer der wenigen ebenen Wege

Wir machten uns am nächsten Tag auf zu einer Hütte weit hinter dem See an dem wir das letzte Mal waren. Das würde uns beide fordern, aber deshalb sind wir ja nach Österreich gegangen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Annahmen bezüglich der Bergab-Fahrten korrekt waren. Die Heilbronner Hütte, ein Bergrestaurant, war 20km weit weg – fast alles davon bergauf, und fast alles auf holprigen Wanderwegen. Ich überlasse es den Fotos, die Landschaft zu beschreiben. Die Ruhe und der Frieden auf der Strecke war unglaublich. Wenn ich meinen Rollstuhl anhielt und das permanente Summen der Motoren stoppte, gab es keine Geräusche ausser das Läuten von Kuhglocken in der Ferne, und den Wind in ein paar Bäumen. Die Luft war beissend kalt und roch nach kaltem Gras und Schnee. Und das im August. Die Gipfel der Berge um mich herum waren weiss.

Alle paar Kilometer gab es einen Drahtzaun der über die Strasse gespannt war – vermutlich um die Kühe vor der Flucht zu hindern. Warum die nicht einfach darum herum gingen, entzieht sich mir aber. An diesen Zäunen traf ich mich wieder mit Artur, der dort wartete um sie für mich zu öffnen. Die waren öfters mal elekrisch geladen, und da hatte ich kein Interesse daran das selbst zu machen. Bei den Fahrten bergauf konnte ich leicht mit dem Mountainbike mit halten, und so war er eh nie weit voraus. Ausserdem wurde ich früh seine Boxencrew und fahrbarer Kleiderschrank, der nicht mehr benötigte Mützen, Jacken und Pullover verstaute, nur um sie ein paar Minuten später wieder auszuhändigen weil “es wird ein bisschen kalt, oh und noch n’ Energieriegel bitte”.

A Wheelchair Adventure in Austria - Cow Race

Rennen #1

Einmal muss ich wohl eine Kuh ziemlich erschreckt haben, denn die hat versucht vor mir weg zu rennen. Nur war sie auch nicht schneller als ich, und so rannte sie eine Zeit lang neben mir her, Glocke wild bimmelnd, elektrische Motoren surrend. Irgendwann stiess sie dann mit einer anderen Kuh zusammen und beschloss wieder stehen zu bleiben. Ich bekam einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen, winkte und fuhr weiter.

Nach zwei Stunden, am Fuss der nächsten grösseren Steigung angekommen, fanden wir eine Hütte. Das ein Restaurant zu nennen wäre übertrieben – eine Familie mit einem Haus mitten im Nirgendwo (aber an der Kreuzung zweier Wanderwege) hatte einen Tisch und Bänke in die Eingangshalle gestellt und servierte Buttermilch, Käse und Fleisch das wohl alles von den Kühen und Ziegen kam, die wir unterwegs getroffen hatten (natürlich nicht das Fleisch – das kam von weiter oben in deren Stammbaum). Wir setzten uns rein um aufzutauen. Bei so einem kleinen und kostbaren Menü ist es eigentlich ein Frevel, nur einen schwarzen Kaffee zu bestellen. Aber meine einzige Absicht zu dem Zeitpunkt war, die blauen Färbungen wieder los zu bekommen die ich überall an mir sah.

A Wheelchair Adventure in Austria - Trail 6

Nirgendwo eine Menschenseele

Als wir uns zum letzten Teil der Strecke aufmachten, einem steilen und matschigen Bergpfad, war ich gerade noch dabei die Batterien in der GoPro Kamera zu wechseln. Dabei wurde ein Bauer auf dem Feld nebenan auf mich aufmerksam. “Wie viel Benzin passt denn in das Ding?” Es brauchte einiges Deuten auf die Batterien hinter mir um ihn davon zu überzeugen, dass ich mit Strom unterwegs war. “Wollst’ du da rauf?”, fragte er deutend auf den Berg vor mir, der Gipfel in den Wolken. “Das schaffst du nur mit ’nem Geländewagen.” Ich konnte sehen, wie sich das Mountainbike bereits um die erste Kehre im Weg kämpfte. “Danke, aber ich werd’s versuchen.” Und los ging es. Ich sollte bald heraus finden, das er recht behalten würde.

Eigentlich war ich sogar froh um den Schlammweg. Ich musste zwar Slalom um die Pfützen fahren, weil die so tief waren, dass ich stecken bleiben würde. Aber es war schön die holprigen Schotterpisten hinter mir zu lassen, die mich die letzten beiden Stunden von den Zehen bis zu den Ohren durchgeschüttelt hatten. Als ich die Wolkenschicht erreichte, hatte sich die grüne Landschaft in eine Mischung aus Brauntönen und nebligen Weiß verwandelt. Das war nicht ganz so wild, denn ich konnte eh nicht weit sehen. Es war auch feucht, und noch kälter als zuvor. Die Batterieanzeige hatte auf dem Weg hier her regelmässig Balken gelassen. Als ich auf dieser letzten Etappe aber das angestrengte Stöhnen der Motoren hörte als ich mich um Löcher im Weg schlängelte, begann ich zu bezweifeln, dass ich es mit dem Rest bis zur Heilbronner Hütte schaffen würde.

A Wheelchair Adventure in Austria - Cloudcover

Ende Gelände. Akku (fast) leer.

Auf einem Plateau auf dem Weg traf ich wieder auf meinen radfahrenden Freund, der jetzt alle Kleidung brauchte die ich in der Tasche transportierte. Es war wieder Zeit, die metaphorische weisse Fahne zu schwenken. Gerade als ich das Plateau erreichte, fiel die Anzeige mit ursprünglich fünf Balken runter auf den letzten davon. Ich war noch nie mit so leeren Batterien unterwegs gewesen – und ich war 13km vom Hotel weg, auf fast 2100m Höhe. Es waren gerade mal fünf Grad dort oben, und begann zu regnen. “Sorry, aber ich gebe hier auf. Ich glaub nicht mal, dass ich es jetzt noch bis nach Hause schaffe.” Diese Auflade-Sache sollte besser so funktionieren, wie ich mir das vorstellte. Sonst würde ich hier irgendwo im Nirgendwo stehenbleiben, bis es Artur nach Hause schaffte, seinen Ford Ka hier irgendwie entlang der Wanderwege zu meinem Rollstuhl führte und alles einpackte. Das wäre wohl für uns beide ein Spass.

A Wheelchair Adventure in Austria - Hütte Track

Doch noch weit von der Hütte weg gewesen…©Google Earth

 

Tag #3 im Video-Tagebuch (deutsche Untertitel)


Als es bergab ging, verwandelte sich das vorher so angestrengte Geräusch aus den Motoren in ein hohes Summen, bevor eine Sekunde später die Bremsen aktiv wurden, den Rolli auf konstanter Geschwindigkeit hielten und anfingen, die Batterien zu laden. Wir fuhren auf dem selben Weg zurück, nur diesmal im Regen und ohne rennende Kühe. Aber es ging nicht immer nur bergab. Auf den wenigen kurzen Abschnitten die stiegen oder eben liefen, verliessen meine Augen nicht die Batterieanzeige. Nicht, dass das gross helfen würde – aber vielleicht wäre ja der letzte Balken zu eitel, um sich unter meiner Beobachtung zu verdrücken. Besser abhauen, wenn keiner hin guckt. Aber so weit lief alles nach Plan – bis wir halb zu Hause waren.

A Wheelchair Adventure in Austria - Cows

Die üblichen Verdächtigen

Mit sieben weiteren Kilometern noch vor uns, fing mein Rollstuhl dann an wie wild zu piepsen. Auf dem Display war nur noch eine leere, blinkende Batterie zu sehen. Er fuhr aber immer noch, und das war schonmal eine angenehme Überraschung. Aber ich hatte keine Ahnung, wie weit ich so blinkend und piepsend noch kommen würde. Ich sagte meinem Kumpel, nicht mehr all zu sehr voraus zu fahren und in der Nähe zu bleiben, weil ich mir ziemlich sicher war jetzt jeden Meter stehen zu bleiben. Ich erklärte ausserdem, dass ich von jetzt an nicht mehr anhalten würde – ich fürchtete, dass es zu viel Energie kosten würde, die 160kg wieder in Fahrt zu bringen und ein Stopp den Batterien den Rest geben könnte. Und so begann das Rennen zum Hotel (wenn man 12km/h ein Rennen nennen möchte). Selbst schwarzer Humor kam ins Spiel.

An einem Punkt wartete Artur ein paar Meter voraus und gerade als ich vorbeifuhr verlor er die Balance, fiel langsam vom Rad und kullerte dann den Abhang hinunter. Irgendwo gibt’s ja immer Verluste, und so fuhr ich weiter: “Hey alles klar? Soll ich anhalten?”, rief ich im Vorbeifahren. “Mir geht’s gut fahr weiter!”, kam aus den Büschen. Einen Augenblick später hatte er mich wieder lachend eingeholt.

A Wheelchair Adventure in Austria - Cloudcover Track Data

Streckenauswertung
©Easy Trails, Zirak

Wir haben es schlussendlich doch in die Stadt zurück geschafft. Und während ich immer noch wie wild blinkte und piepste, war das Ziel erreicht. Hier wäre es kein Problem, mich mit dem Auto abzuholen. Der letzte Teil der Strecke war ein halber Kilometer sehr steil bergauf und für mich bestand kein Zweifel, dass ich dabei stehen bleiben würde. Also blieb ich immer ganz an der Seite der Strasse, damit die Autos dann an meinem toten Rollstuhl vorbeifahren konnten. Aber dazu kam es nicht. Als wir den Eingang des Hotels erreichten waren wir beide wild am Jubeln (ein Dritter am piepsen) und klopften dem Rolli auf die Rückenlehne. Was für eine Tour.

Vom Ironbike Marathon, gutem Essen und Wettrennen

A Wheelchair Adventure in Austria - Artur

Bergauf durch den Wald

Während der kürzeren und wenig ereignisreichen Trips der nächsten Tage kamen meine Gedanken immer wieder zurück zu einer Route, die ich in einer der vielen Karten und Broschüren gesehen hatte. Es gab eine 90km lange Mountainbike-Strecke die nahe an unserem Tal vorbei führte, und für den „Ironbike Marathon” befahren wurde. Ein nahegelegener Teil der Strecke wurde von den Broschüren als zahm genug beschrieben (soll heissen: keine Sprünge, Trage-Strecken oder Flussdurchquerungen), als dass ich den Teil vielleicht mit dem Rollstuhl befahren könnte. Am vorletzten Tag zogen wir los, um es zu versuchen.

A Wheelchair Adventure in Austria - View 1

Unser Tal von hoch oben

Es began mit einem kurvigen Pfad durch dichten Wald, der in einer wahnsinnigen Sicht über das Tal vor uns endete. Es war auch einer der wenigen sonnigen Tage, und eine gute Zeit draussen zu sein. Nach etwa zehn Kilometern kamen wir an eine Weggabelung. Die Ironbike Route führte weiter bergauf, und ein Schild wies auf ein Alm Restaurant ein paar Kilometer entlang des anderen Weges hin. Wir entschieden uns für ein gutes Mittagessen und machten uns auf zur Larainalm.

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Bergsteiger Montur

Die stellte sich als grosser Bauernhof mit herum rennenden Ziegen heraus, einem Spielplatz und einer Terrasse und Eingang zum Restaurant, der am Ende eines steilen Pfades voller losem Kiesel lag. Keine Chance da mit dem Rolli hoch zu kommen, auf dem losen Grund würden sich die Räder sofort eingraben. Wir blieben erstmal unten am Weg, und es näherte sich auch bald Rettung. Ein kleines Mädchen von vielleicht neun Jahren, eine Schürze umgebunden, kam den steilen Hang hinunter gehüpft und fragte, nachdem sie uns kurz neugierig betrachtet hatte, ob wir etwas bestellen wollten. Sie würde es dann für uns runter bringen wenn wir nicht hoch konnten. Also haben wir Buttermilch bestellt und eine gemischte Platte mit Käse, Schinken und Brot. Als wir unter den forschenden Blicken unserer Bedienung aßen – sie hatte von ihren Eltern frei bekommen, um uns mit ihren Fragen zu löchern – kam ihr etwas älterer Bruder dazu. Sie erzählten uns wie sie jeden Sommer hier her in ihre zweite Heimat kamen und die Ferien damit verbrachten auf dem Hof und dem Restaurant zu helfen. Unsere Frage, was von unserem Essen sie denn selbst gemacht hätten, kamen nur verständnislose Blicke: “Uh, alles davon natürlich? Bis auf die Pepperoni – die kam aus nem’ Glas.”

A Wheelchair Adventure in Austria - Racing

Rennen #2

Weitere Diskussionen folgten, und bald war ich dabei ihnen all die Knöpfe an meinem Rollstuhl zu demonstrieren. Auf der anderen Seite erhielt ich dafür detaillierte Erklärungen zu ihren eigenen Fahrrädern. Bald wurde klar, dass wir offene Fragen durch ein Rennen klären mussten. Wir bezogen auf der Zufahrt zum Hof Stellung, rasten auf ein Zeichen hin die Länge des Grundstücks entlang, drehten um und düsten über die Ziellinie. Wieder und wieder. Ich verlor jedes Mal. Nach einem halben Dutzend Rennen gestand ich dann ein, dass ihre Fahrräder klar überlegen waren. Erst dann stellten wir fest, dass sich die gesamte Restaurant-Kundschaft auf den Balkon gelehnt hatte und uns zu sah. Bevor wir dann weiter fuhren (voller Informationen von unseren beiden kleinen Bergführern zur bevorstehenden Strecke, und welche Kühe ihre sind), bekamen wir noch zwei Gläser selbstgebrannten Schnaps, eine Aufmerksamkeit von zwei Eltern die sich sicher sein konnten, dass ihre Kinder heute Abend sehr gut schlafen würden.

A Wheelchair Adventure in Austria - Michael 6

Auf solchen Wegen wurde das Mittagessen gut durchgeschüttelt

Als wir weiter fuhren stellte mein Begleiter fest: “Ich glaube, die beiden werden für den Rest ihres Lebens nie mehr schüchtern gegenüber Menschen im Rollstuhl sein.” Ich stimmte zu. Das mag die Zeit sein, mich schonmal im Voraus bei all den Rollstuhlfahrern zu entschuldigen, die in den nächsten Jahren von den beiden zu Rennen herausgefordert werden.

A Wheelchair Adventure in Austria - Trail 4

Auf dem Weg zurück zum Hotel

Der Rest des sehr holprigen Weges führte uns entlang eines Flusses. Das warme Wetter (und ein triumphal voller Bauch) waren eine willkommene Abwechslung zu den vorherigen Ausflügen. Ich muss es wieder den Photos überlassen, die Umgebung zu beschreiben – aber auch die kommen nicht wirklich dran. Als wir an dem Tag ins Hotel kamen, hatten wir fast schon das Ende unseres Urlaubs erreicht. Noch ein weiterer Tag, und wir würden uns wieder ab nach Hause machen.

A Wheelchair Adventure in Austria - Michael 1

Hier war der Weg noch richtig breit

Am letzten Tag gingen wir los und befuhren bei sonnigem Wetter den nahegelegenen Staudamm. Es war etwas kniffelig da im Rollstuhl drauf zu kommen. Kein Problem für Fussgänger, aber mit vier Rädern wurde es etwas trickreich an den Schranken vorbei zu navigieren. Das war allerdings noch kein Vergleich zu der Millimeterarbeit auf dem Wanderweg um den See herum. Auf dem Photo war der Weg noch breit! Später wurde er so schmal, dass ich nicht mal mehr hätte wenden können.

Am Ende unserer Reise hatten wir insgesamt über 140km zurück gelegt. Ich bin froh, an diesem sonnigen Morgen vor einer Woche beschlossen zu haben, mitzukommen. Es war eine grossartige Zeit. Und mein Rollstuhl hat seine Jungfernfahrt mit fliegenden Fahnen bestanden.

Meine nächste Reise drei Monate später sollte ganz anders werden:
„Backpacking Thailand Teil 1“ und „Backpacking Thailand Teil 2“

Hier sind alle Videos aus dem Reisebuch:

 
A Wheelchair Adventure in Austria - All Tracks

Alle Strecken  – 140km gesamt ©Google Earth

 

Bilder und Text ©Michael Herold (ausser anders angegeben) Safe Creative #1401030108879

5 thoughts on “Tirol, ein Rollstuhl-Märchen oder: der mit der Kuh fährt

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