Ich bin dann mal in Paris – eine Reise mit Hindernissen (Teil 2)

Wenn es auch einen sehr holprigen Anfang genommen hatte, war das Wochenende in Paris doch bisher sehr angenehm verlaufen. Ich und meine Begleitung sind lange durch die schmalen und alten Gassen der Stadt geschlendert. Wir waren im Musée du Louvre, und ich konnte der Mona Lisa passend zum Valentinstag sehr nahe kommen. Für den heuten Sonntag stand der Eiffelturm auf meinem Plan – und am Nachmittag würde es dann wieder zurück zum Flughafen und nach Wien gehen.

Ich bin dann mal in Paris - eine Reise mit Hindernissen (Teil 2)

Da wir es einfach nicht schafften die Bushaltestelle, die so klar auf der Karte verzeichnet war, auch in der richtigen Welt ausfindig zu machen beschlossen wir uns zu Fuss zum Turm aufzumachen. Zum Glück war uns das Wetter um einiges besser gesinnt als noch den Tag zuvor. Die Route führte uns entlang der Seine und vielen, vielen fotowürdigen Gebäuden, Brücken und Statuen. Paris weiss sich in Szene zu setzen. Als wir uns so unseren Weg durch die bevölkerten Gehwege bahnten, stoppte mich meine Begleiterin einmal und fragte mich, ob mir auffiele wie mich die Menschen ganz komisch anschauten. Wäre ich nicht angeschnallt gewesen, wäre ich wohl aus dem Rolli gehüpft. Mir war das überhaupt nicht aufgefallen! Wenn überhaupt, dann waren mir diejenigen Mitmenschen aufgefallen, die mich im Vorbeigehen anlächelten! Scheinbar war es für sie aber sehr offensichtlich, dass mir viele einen abwertenden Blick zuwarfen. Also entweder, mein Wahrnehmungsfilter ist da so eingestellt, dass ich das komplett ausblende – oder das passierte erst nachdem sie an mir vorüber waren. Allerdings trug ich im kalten Februar eine grosse, plüschige Kuhmütze (und tendiere bei Langeweile dazu, mit dem Zeigefinger in der grossen plüschigen Kuhnase zu bohren). Nehmen wir der Völkerverständigung wegen mal an, dass diese Blicke auf mein extravagantes Accessoire und meine Tendenz zum Fremdnasenpopeln zurückzuführen waren. Und nicht auf meine diplomatische Mission als rollstuhlfahrender Tourist.

Als ich unser stählernes Ziel in der Ferne ausmachen konnte, dachte ich zuerst: “Ja, so sieht der auch auf Postkarten und Bildschirmhintergründen aus!” Als ich dann direkt davor stand und meinen Kopf fast 90˚ nach hinten drehen musste, kürzte sich das ab zu “Wow!!!“
Dieser Gigant aus Stahl ist um einige Grössenordnungen imposanter, als Bilder das je ausdrücken könnten. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Pariser Bevölkerung Ende des 19. Jahrhunderts auf die Barrikaden ging, als jemand vorschlug so ein gewaltiges Stahlmonument als “Dekoration” in die Mitte der Weltstadt zu stellen. Nun, heute tut es ihnen nicht mehr leid, und aus gutem Grund. Leider können Worte den Koloss genauso wenig beschreiben wie Bilder es können und ich belasse es dabei in dem ich schreibe: wer sich ein Bild von menschlicher Konstruktionskunst machen möchte, der ist hier – neben natürlich vielen anderen Bauwerken in Europa und der Welt – an einer der ersten Adressen. Unter dem Turm ein ähnliches Bild wie am Louvre: riesige Besuchermassen. Allerdings um ein Vielfaches unterhaltsamer, da hier jeder irgendwie vergeblich versucht mit seinem Selfie-stick nach oben zu fotografieren.

Eine lange Schlange von Wartenden machte schnell klar, wo der Eingang war. Durch meine Louvre Erfahrung vom Vortag war ich der Meinung, auch hier nicht mit dem gemeinen Fussvolk warten zu müssen. Direkt neben der Warteschlange gab es zwar einen VIP Eingang, aber der sah wirklich eher nach “Wichtig” aus. Ich fragte mich kurz, ob mich mein Rollstuhl wohl in den Augen vom Sicherheitspersonal wichtig macht, und beschloss nach kurzer Selbst-Reflexion doch lieber Ausschau nach einem blauen Rollstuhlsymbol zu halten. Das fand ich dann auch ganz vorne an der Menge von Wartenden, an eine Absperrung geschraubt. Eine kurze Diskussion mit dem Sicherheitsmann auf der anderen Seite lief in etwa so ab: “You have ticket?” “No..” und dann ein strenges Deuten seinerseits an das traurige Ende der Wartenden. Tja, da musste ich jetzt wohl durch. Wir hatten uns gerade eingereiht und mit unserem Fussfolk-Schicksal abgefunden, da kamen die Sicherheitsjungs vom VIP Eingang auf uns zu und meinten, wir könnten gerne durch ihren Eingang, wenn wir schon Tickets hätten. Nun ja, die hatten wir aber nicht. Daraufhin meinten Sie, meine Begleitung könnte durch den VIP Eingang flitzen, die Treppe zur Kasse hoch, zwei Tickets kaufen und wieder zurück kommen. Dann würden Sie uns beide durch lassen. Noch mal einen Blick auf die Menge der vor uns Wartenden werfend, war das Angebot nicht abzuschlagen. Ein paar Minuten später war meine Begleitung auch schon mit unseren Eintrittskarten zurück. Gesamte Wartezeit: zehn Minuten. Eintrittspreis für beide (Rollstuhlfahrer und Begleitperson): nicht mal 10€. Einen Nachteil hatte das Ganze aber: Wir konnten nur bis zur Hauptaussichtsplattform. Der zweite Lift, der Besucher für einen Aufpreis bis in die Spitze des Turmes bringt ist für Rollstuhlfahrer und mobilitätseingeschränkte Besucher aus Sicherheitsgründen nicht benutzbar.

Ich bin dann mal in Paris

Sicherheitskontrolle bestanden – alle warten auf den großen Lift nach oben

So ging es dann zu einem kleinen Hebelift neben den Treppen, und wieder durch die obligatorische Sicherheitskontrolle der Taschen. Hier wurde der Rollstuhlfahrer übersehen – vielleicht hat meine Kuhmütze von Sicherheitsbedenken abgelenkt. Ein riesiger, altbackener Lift der mehrere dutzend Besucher fasste, brachte uns knatternd auf die Aussichtsplattform in der zweiten Etage. Und was für eine Aussicht das bei 116m ist! Die Plattform ist rundum befahrbar und auch mit (für Rollstuhlfahrer natürlich zu hohen) Münzferngläsern bestückt. Jede der vier Seiten bietet einen atemberaubenden Blick auf diese alte Metropole, und hier muss und will man sich einfach die Zeit nehmen jede Himmelsrichtung zu geniessen. Auch hier kann man wieder Fotos schiessen wie ein eifriger Praktikant für das Playboy Magazin, aber genauso wie dort wird das niemals den Anblick so wieder geben können wie es in Wirklichkeit war. Die Absperrungen sind angenehm gebaut und versperren auch in sitzender Position den Ausblick nicht im Geringsten. Eher im Gegenteil: bei dem kräftigen Wind ist man froh, die Kamera auf der Absperrung anlehnen zu können. Wäre ich auf die Idee gekommen dort oben mal aufzustehen, hätte mich der Wind wohl quer über die Etage geblasen. Und der Ausblick machte mir auch klar, wie viel es in Paris zu sehen gibt, in wie vielen Strassen und Gassen ich mich in einer längeren Reise so toll hätte verlieren können. Und er macht neugierig darauf, wie es wohl noch mal 160m höher in der Spitze des Turms gewesen wäre.

Ich bin dann mal in Paris - eine Reise mit Hindernissen (Teil 2)

Der Blick auf das Palais de Chaillot

 

Irgendwann ging es dann wieder hinunter, denn der Heimflug stand in ein paar Stunden an. Es wurde Zeit, dass meine Begleitung und ich uns wieder zum Hotel aufmachten, um unser dort gelagertes Gepäck abzuholen. Diesmal schafften wir es auch, eine Bushaltestelle nicht nur auf der Karte, sondern auch in der richtigen Welt ausfindig zu machen und warteten dort auf den nächsten Bus. Nach scheinbar endloser Zeit kam der auch endlich um die Ecke und hielt vor meinen Füssen. In Paris läuft das mit den barrierefreien Bussen so: man winkt dem Busfahrer beim Vorbeifahren kräftig, und der kann dann von seinem Fahrersitz aus eine Rampe ausfahren, die sich unter der hinteren Tür befindet. Dazu muss diese Tür aber geschlossen sein – wohl damit niemand über eine gerade ausfahrende Rampe stolpern kann. Also nicht wundern, wenn die Tür erstmal zu bleibt, oder nach dem Aussteigen einiger Passagiere wieder schliesst. Das hat zwar so alles wunderbar geklappt und Tür und Rampe warteten auf meinen Einstig. Nur leider war der Bus so vollgepresst mit Fahrgästen, dass da nichtmal Platz für einen halben Rolli gewesen wäre. Es blieb uns nichts übrig als auf den nächsten Bus zu warten. Und der lies natürlich auch wieder elend lange auf sich warten. Das Sicherheitspolster an Zeit, um vom Eiffelturm zum Hotel und dann zum Flughafen zu kommen, war langsam am Schrumpfen.

Ich bin dann mal in Paris

Das kategorische Touristenphoto. Wenigstens ist es kein Selfie.

Der nächste Bus hatte dann endlich Platz für einen Rollstuhl und eine Begleitperson. Wir waren schnell am Hotel und holten dort unser Gepäck ab. Es kam die Zeit der Verabschiedung – das Bus Debakel hatte meine geplante Aufbruchszeit vom Hotel weit nach hinten geschoben und ich musste nun wirklich direkt zur Bahnstation, der Châtelet – Les Halles, flitzen. Kurze Zeit zog ich in Betracht mir den Stress mit Bahnstation und Zug zu sparen, und mir einfach ein Rollstuhltaxi zu rufen. Dann erinnerte ich mich an das Desaster des Vortages, lachte kurz und machte mich auf den Weg. Les Halles war dreieinhalb Kilometer entfernt und auch mit eingeschränktem Navigationstalent einfach zu finden. Ich musste dazu die Seine überqueren und begann in Anbetracht all der – viel zu langsamen – Fussgänger vor mir mein Französisch runter zu rattern. “Miseur? Mademoseille? Excusez moi! Merci!” So schob ich mich an einem Pärchen nach dem anderen vorbei, quasi schon selbst Franzose. Nur mein deutsches Nummernschild konnte mich da noch zuverlässig als Tourist entlarven. An jeder Fussgängerampel der Blick auf die Uhr – warum verflog die Zeit nur so schnell? Les Halles musste gleich in Sicht kommen, und die Züge fuhren auch alle paar Minuten, aber ich bin lieber viel zu früh am Flughafen und habe Zeit nochmal eine Toilette zu suchen, mich dann gemütlich am Schalter zu melden um auf meine Rollstuhlassistenz zu warten, meinen Rolli in Luftpolsterfolie zu verpacken – kurz: es ruhig anzugehen. Und irgendwie schien mir jede spazieren gehende, gehwegblockierende Hundebesitzerin, jede ihren Kinderwagen mittig auf dem Gehweg schiebende Mutter, jede rote Fussgängerampel das vermiesen zu wollen.

Dann stand ich vor dem Châtelet – laut meiner Navigations-App zumindest. Was ich da aber vor mir sah, das war keine Bahnstation. Das war ein Einkaufszentrum! Keine Frage: Ich war an der richtigen Adresse. Aber ich stand vor dem Eingang einer Shopping Mall. Jetzt wurde es aber langsam albern. Ich fuhr erstmal um das Gebäude herum, vielleicht war ich ja einfach auf der falschen Seite. Fehlanzeige. Das war schon alles richtig, und doch kein Zug oder Bahngleis in Sicht. Also fuhr ich halt doch in das Shopping Center rein, irgendwie wird sich das schon klären. Nicht nur, dass ich einen Zug zum Flughafen in einem Einkaufszentrum voller Modeläden, Handy shops und Sonnenbrillen suchte – das ganze Ding war auch noch eine einzige Baustelle! Ganze Teile eines Stockwerks waren mit rot-weissem Band abgesperrt, Aufzug-Türen mit Holzpaletten zugestellt. Selbst der Eingang über den ich rein gekommen bin war mit Holzbrettern ausgelegt gewesen. Und die paar Geschäfte, die dem Bauwahn entgingen oder ihn schon hinter sich hatten, waren an einem Sonntag Nachmittag natürlich geschlossen. Kurzum, ich suchte ich einer grossen Shopping Mall die sich noch im Auf- oder Umbau befand einen Zug. Ich glaube nicht, dass das viele Touristen auf ihrer To-Do Liste stehen haben. Ausserdem war das Gebäude auch noch menschenleer! Von ein paar Obdachlosen abgesehen die auf den Bänken lagen, und deren Deutsch- oder Englischkenntnisse ich von vorne herein in Frage stellen wollte. Aber gut, es war ja noch Zeit.

So fing ich an durch das Shoppingcenter zu rasen, auf der Suche nach etwas, das nach Bahnhof aussieht. In einem Flügel wurde ich auch fündig, zumindest über einer Rolltreppe war eine Bahn und Gleisnummern angeschrieben. Das war schonmal eine erste Spur. Jetzt musste ich nur noch einen alternativen Weg da runter finden. Etwas weiter war ein Lift der glücklicherweise auch mal nicht von Bauabsperrungen umgeben war – und mit dem fuhr ich in das tiefste angebotene Stockwerk. Als sich die Aufzugtüren öffneten, erwartete ich, direkt auf die erhofften Bahngleise zu blicken – womöglich begleitet von gleissendem Licht, Trompeten und Engelsgesang. Stattdessen war ich nur in einem tieferen Stockwerk und immer noch in der Shopping Mall. Was es da auch wieder gab waren Rolltreppen mit vielversprechenden Eisenbahn-Schildern darüber. Mein Lift konnte offenbar nur nicht ganz bis in den Keller fahren. Ich musste jetzt einfach noch mal einen finden der mich ein weiteres Stockwerk tiefer bringt. Aber keine Panik, es war ja noch Zeit! Es ist so befremdend auf Schilder angewiesen zu sein die man – von Symbolen und Nummern einmal abgesehen – nicht lesen kann. Ich fand in einem anderen Gang wieder einen Aufzug – und der fuhr jetzt wirklich bis ganz nach unten! Da hatte doch wirklich jemand ein komplettes Shopping Center über einen Bahnhof gebaut.

Wie funktioniert das wohl unter der Woche? Müssen sich da alle Fahrgäste erstmal durch das labyrinthartige Einkaufszentrum begeben, wenn die Montags morgens mit dem Zug irgendwo hin wollen? Na ich jedenfalls hatte mich durch ein halb fertiges Einkaufszentrum gekämpft und war jetzt wirklich an der Bahnstation. Zwar immer noch von einem Wirrwarr aus Treppen und Liften von meinem Zug entfernt, aber ich war schon mal wo ich hin wollte und konnte beim Ticketkauf dann nachhaltig nach dem Weg fragen.
Châtelet – Les Halles ist ein unangenehmes unterirdisches Netzwerk von Gängen aus Beton, dunkel, kalt und komisch riechend. Da war ich von dem Stockwerken drüber besseres gewohnt. Aber für Genuss war jetzt eh keine Zeit mehr. Mein Zeitpolster war nach dem Herumirren mit meiner Ankunft an der Bahnstation aufgebraucht. Wenn jetzt alles ohne weitere Hindernisse weiterginge, dann käme ich genau bei Öffnung des Check-In’s auch dort am Schalter an. Also los!

Erstmal steuerte ich den Ticketschalter an und kaufte mir bei dem netten Herrn dort ein Ticket zum Flughafen. Ich fragte ihn ganz genau nach dem Weg zum richtigen Gleis – das hier war ein Labyrinth an Verzweigungen – wiederholte es zwei mal um sicher zu stellen, dass ich es auch richtig verstanden hatte und wandte mich um. Dann entsann ich mich meines Kampfes von vor zehn Minuten und fragte weiter “Und wo geht es zum richtigen Aufzug?”. Je nach dem, welche Strecke man fahren will – und in welcher Richtung – scheint man hier in einen anderen Gang irren zu müssen. Mich brachte meine Gleisnummer erstmal ein Stockwerk tiefer. Hier ging es dann wieder einen Gang entlang, und eine Reihe von Vorrichtungen ähnlich einem Drehkreuz verlangten nach dem automatischen Einlesen des Magnetstreifens auf dem Ticket. So wurde wohl nicht nur sichergestellt, dass man im Besitz eines solchen ist, sondern auch, dass man in die richtige Richtung unterwegs ist. Durch diesen engen Gang passte ich natürlich mit meinem Rolli nicht durch. Direkt daneben war aber auch eine breite Tür mit Rollstuhlsymbol daran, die unverschlossen war. Hier – und das sollte später noch von Bedeutung sein – war auch ein Knopf auf dem in französisch und englisch stand: “Klingeln Sie hier, wenn sie Hilfe benötigen”. “Brauch’ ich nicht, die Tür ist ja offen!”, dachte ich mir da noch. Und die Zeit und Geduld, da jetzt gross auf jemanden zu warten, der mir dann die eh schon offene Tür weiter aufmacht hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Also flitzte ich verwegen durch, sicherheitshalber das weisse Ticket demonstrativ in der freien Hand haltend – ich wollte ja nicht zu rebellisch erscheinen. Den Schildern nach musste ich nun wieder ein Stockwerk weiter runter. Na gut, der Lift war schon in Sicht und da tummelten sich auch schon einige Muttis mit Kinderwagen davor. Nur: der Lift war voll, und bewegte sich nicht. Immer wieder gingen die Türen des einzigen Lifts auf, die darin stehenden guckten doof nach draussen als wollten ihre Blicke sagen “das ist ja immer noch der selbe Stock” und dann gingen die Türen wieder zu. Da war doch wohl nicht der einzige Lift kaputt? Das ganze wiederholte sich so lange mit ständig zunehmender Irritation und Ärger in den Blicken der aus dem Lift Guckenden, bis die wartenden Mütter ihre Kinderwagen packten und sich zu den Rolltreppen aufmachten. Kurz danach gaben dann auch die Liftinsassen auf und kamen kopfschüttelnd aus der unbeweglichen Kabine heraus. Na super. Eh schon spät dran, und der Lift ist im Eimer. Das wars dann also für meinen Heimflug.

Ausser meinem Geruchssinn gab es nichts mehr zu verlieren, aber den hätte ich in dieser Umgebung eh freiwillig aufgegeben – und so fuhr ich in den Aufzug um es wenigstens versucht zu haben. Ich drückte auf den Knopf nach unten, die Türen schlossen sich… und die Kabine setzte sich in Bewegung! Huh? Nicht, dass ich mich beschweren wollte – aber was war hier passiert? Hatten sich da ein halbes dutzend zukünftiger Bahnreisender zu doof angestellt, um auf einen Knopf zu drücken? Haben die da fünf Minuten lang immer auf den selben Knopf – die Ebene in der sie schon waren – gedrückt und sich dann gewundert dass sich die Umgebung nicht geändert hat als die Türen aufgingen? “Auf, drück den selben Knopf nochmal, vielleicht geht’s dann” – war das ihre Technik? Egal, ich auf jeden Fall war auf dem Weg nach unten, ganz alleine in einem Fahrtstuhl der aus Gründen feucht war, die ich mit Sicherheit nicht wissen wollte.

Tja, und so stand ich da und hatte es geschafft. Inmitten der wartenden, mein Gepäck auf dem Schoss, der Puls immer noch erhöht. Die Anzeige sprach davon, dass der nächste Zug zum Flughafen – der RER B – in nur drei Minuten eintreffen würde. Perfekt, da lief ja alles! Das jeder der Züge rollstuhltauglich ist und über Rampen zum Einsteigen verfügte wusste ich ja mit Sicherheit – das war Teil meiner bescheidenen Recherchen gewesen. In wenigen Minuten werde ich auf der Endgeraden zum Flughafen sein und schaffe es dort vielleicht sogar noch, mir bei einer heissen Tasse Kaffee die Hände zu wärmen bevor es in den Flieger geht!

Der Zug fuhr ein, hielt an, vor mir öffnen sich die Türen – und der Einstieg ist ein paar Stufen von mir getrennt. Also rollstuhltauglich sieht doch bitte anders aus? Wo war die Rampe? Durch die ein- und aussteigenden Reisenden versuchte ich, Blicke auf die anderen Türen zu werfen. Waren andere Einstiege vielleicht niedriger? Hatte eine der Türen vielleicht ein Rollstuhlsymbol? Dieser Zug schloss seine Türen und setzte sich langsam in Bewegung. Wenn ich jetzt noch schnell ausmachen konnte, an welcher Tür das gesuchte Symbol wäre, dann könnte ich beim nächsten Zug schon mal an der richtigen Stelle auf dem Bahnsteig warten. Aber Fehlanzeige. Ich blickte dem Ende des Zuges hinterher ohne auch nur die Spur eines rollstuhlgeeigneten Einstiegs gesehen zu haben. Der nächste Zug würde laut Anzeige in zehn Minuten fahren. Immerhin. Also gut, Planänderung. Ich fuhr ganz nach vorne an dem Bahnsteig, dorthin, wo die Lock in etwa zum Stehen kommen würde. Wenn ich schon keine Rampe finde, dann würde mich da wenigstens der Lockführer sehen können. Vielleicht hatte der ja die Rampe. Über mir war eine grosse digitale Uhr – ich hatte noch etwas mehr als 90 Minuten, bevor der Check-In für meinen Flug dicht macht. Die Bahnfahrt zum Flughafen würde etwa 30 Minuten dauern. Ich versuchte mir einzureden, dass noch viel, viel Zeit war. Warum nur wurde mir so mulmig zumute? Vielleicht, weil ich nichts zu tun hatte auf diesem kalten Bahnsteig, als auf die Anzeigen zu starren. Die eine, die mir sagte ich hätte noch 89 Minuten, die andere, die mir zeigte ich müsse noch neun Minuten auf den Zug warten.

Endlich fuhr der nächste Zug ein. Als die Lock fast genau neben mir zum Stehen kam, winkte ich dem Fenster zu. Die Türe öffnete sich, und ein junger Lockführer strahlte mich an: “Willst du mit?” “Ja!” “Hast du deine Assistenz hier?” “Nö, ich habe keine dabei.” “Einen Moment..” Er griff zum Eisenbahn-Telefon in seiner Kanzel. Französisch folgte. Er legte auf, kam wieder zur offenen Tür. “Es kommt gleich jemand.” Ich sehe den Zug hinunter – der stand jetzt schon merklich länger am Bahnsteig als der vorherige. Ob sich die Fahrgäste wundern, warum der Rollifahrer da vorne ein Schwätzchen mit dem Lokführer hält? Der bleibt freundlich, hat keine Eile, nicht mal eine Spur von Aufbruchslust, kein einziger verstohlener Blick auf das Steuerpult. Der schien das mit mir Aussitzen zu wollen, und ich dachte mir ständig – ob der denn keinen Fahrplan hat? Nach vielleicht weiteren fünf Minuten griff er wieder zu seinem Telefon und nach einem kurzen Gespräch erklärte er mir, dass jemand für mich auf dem Weg sei und ich hier warten sollte, und wünschte mir noch einen schönen Tag. Ich dankte ihm für die Hilfe und für’s Warten, und winkte dem zweiten Zug hinterher der mir an dem Tag vor der Nase weg fuhr.

Kurze Zeit später kam dann auch eine Dame in Uniform und mit Funkgerät am Gürtel auf mich zu. “Wie haben Sie es denn alleine hier runter geschafft?”, der ganz verblüffte erste Satz mit grossen Augen. “Äh, mit dem Fahrstuhl? Wie sonst sollte ich denn hier runter kommen?” “Haben Sie denn nicht das Schild gesehen mit dem Rollstuhlsymbol und der Klingel daneben?” “Ja schon, aber die Tür war doch eh offen!” “Ja aber dann ist ja keiner hier um ihnen mit der Rampe zu helfen!” Sie deutet auf eine Halterung um die Ecke, wo eine zusammengeklappte Metallrampe hinter einem grossen Vorhängeschloss wartete. Ach so lief das hier! Ja, dann macht die Klingel und die Stufen in den Zug natürlich Sinn. Kein Wunder, dass der Lokführer nach meiner Assistenz gefragt hat, der konnte ja schlecht aussteigen und selbst gemütlich die Rampe aufbauen. Wobei, Zeit genug schien er ja gehabt zu haben. Nur keinen Schlüssel vermutlich! Der nächste Zug zum Flughafen war noch einige Minuten entfernt. “Wo steigen Sie denn aus?” Tja, das hatte ich mich auch schon gefragt. Der Flughafen hat drei Terminals. Die erste Haltestelle bedient Terminal 1 und 3, und die nächste, letzte Haltestelle das Terminal 2. Als ich meinen Flugplan ausdruckte gab’s da noch keine Auskunft, an welchem Terminal der Heimflug beginnen würde. Und da das Pariser Internet auf meinem Handy komplett den Dienst verweigerte, gab’s auch nicht wirklich eine Möglichkeit das jetzt noch irgendwie herauszufinden. Ich dachte mir, dass ich rein statistisch gesehen mit der ersten Option wohl die besten Chancen haben würde, schliesslich waren das gleich zwei Terminals, und ich kam auch noch ein paar Minuten eher aus dem Zug. “In’s Terminal eins und drei!” Das gab sie in ihr Funkgerät weiter.

Nach zehn Minuten kam der nächste Zug. Der Lokführer und meine neugewonnene Assistentin winken sich zu. Kaum ist die Lok zum stehen gekommen öffnet sich die Fahrertür und es folgt ein kurzes Gespräch. Dabei verstehe ich zwar kein Wort, aber es hört sich trotzdem nicht alles so optimistisch an. Vor allem macht keiner Anstalten, meine Rampe an den Zug zu bringen. Meine Assistentin erklärt mir: “Wir haben noch keine Bestätigung vom Flughafenterminal, da ist noch niemand bereit um Sie dort wieder abzuholen.” Ja klasse. Die Uhr ist natürlich unaufhaltsam weitergelaufen – so wie auch dieser Zug, der wieder ohne mich weiter fährt – und ich habe noch 70 Minuten es bis an den Schalter zu schaffen. 30 Minuten Zugfahrt… das passt auch.. noch ein paar Minuten auf den nächsten Zug warten… sollte auch passen. Ich schaue auf die Anzeigetafel um meine Rechnungen auf die Minute genau zu konkretisieren. Hatte ja eh nichts besseres zu tun. Da sehe ich: der nächste Zug Richtung Flughafen kommt erst in 18 Minuten! Das war überhaupt nicht gut! Das lies mir nur 22 Minuten Zeit um aus dem Zug zu kommen und meinen Check-In Schalter zu finden! Vorausgesetzt, die haben das alles gebacken gekriegt und der nächste Zug nimmt mich überhaupt mit! Und dann noch vorausgesetzt, dass ich auch am richtigen Terminal aussteige! Ich konnte nur warten. Nichts lag jetzt gerade in meinen Händen. 18 Minuten lang schweifte mein Blick zwischen der Uhrzeit zu meiner Linken, und dem Zugfahrplan zu meiner Rechten hin und her. Tick. Tack. Zum fünften Male kramte ich mein Flugticket heraus um zu schauen, ob ich mich nicht doch bei der Abflugzeit geirrt hatte, und die vielleicht doch viel später ist? Zum fünften Mal wurde ich enttäuscht und packte das Ticket wieder weg. Ich plante, in Kürze noch Mal darauf zu schauen. Die Hoffnung beruhigte. Und warum überhaupt auf das schnelle Eintreffen des Zuges hoffen, wenn vom Flughafen noch kein OK kam? Vorher lassen die mich hier eh nicht einsteigen! Das Radio meiner Rampenbediensteten raschelte. Nach einem kurzen Gespräch, das ausschliesslich aus “Oui, Oui” bestand, drehte sie sich zu mir um: “Die Flughafenassistenz hat Bescheid gegeben. Da wartet jemand auf Sie um Ihnen heraus zu helfen.” Perfekt! In fünf Minuten kommt der Zug, dann geht’s auf die Endgerade zum Flieger. Ausser, dass es halt keine Gerade sein würde, sondern ein Terminal Labyrinth – im hoffentlich richtigen Terminal.

Der Zug rauschte in die Station. Nach dem mir drei Züge vor der Nase weg gefahren sind, mir kalt und von dem Gepäck auf dem Schoss die Beine langsam einschliefen und ich seit einer Stunde einen Puls von über 100 hatte, war der Anblick der Assistentin, wie sie nur halb-graziös die metallene Rampe zur Tür wuchtete, die in der Tür stehenden Reisenden zur Seite orderte und mich heran winkte, geradezu engelsgleich. Ich rollte glücklich in den Zug. Nochmal schnell durchrechnen: 50 Minuten bis die den Schalter zu machen. 30 Minuten Zugfahrt, da blieben mir noch 20 Minuten Zeit mit der Assistenz am Flughafen zum Check-In zu hetzen. Knapp, aber mit dem Flughafenpersonal ist man ja immer auf der Überholspur unterwegs. Die kennen jede Ecke von dem Flughafen. Ja genau, immer schön Mut zureden. Irgendwie musste ich die Zeit ja rum kriegen. Auf der Navigations-App auf dem Handy verfolgte ich die Fahrt bis des Zuges der Karte entlang gen Ziel. Mein Blick wanderte vom Handydisplay zum Fenster, der Blick hinaus in die Dunkelheit, oder eher auf mein eigenes Spiegelbild in der Scheibe. Laut Display kam meine Haltestelle näher, und ich konnte spüren wie der Zug die Fahrt verlangsamte. Die Sicht nach draussen wurde durch einen Tunnel ersetzt, und wir rollten in meine Haltestelle ein. Als wir am Bahnsteig zum Stillstand kamen, kam aus den Lautsprechern eine Durchsage. Französisch, natürlich. Die wenigen Fahrgäste in der Kabine standen auf, griffen ihr Gepäck und machten sich in Richtung der Ausgänge auf. Wer auch immer mich abholen sollte, da draussen auf dem Bahnsteig war niemand. Jedenfalls niemand mit Uniform. Die wussten doch, dass ich im ersten Wagen war? Wir hatten in der Stadt doch extra auf eine Bestätigung gewartet? Wieso wartete dann da draussen niemand mit der Rampe? Jeden Moment würde sich dieser Zug hier wieder in Bewegung setzen und zum nächsten Terminal weiter fahren! Und dann wäre dass das Aus für meinen Heimflug. Was jetzt?

Es war ja niemand mehr da, es schien als wäre ich alleine in dem Zug. Dann kam ein Pärchen, ihre Koffer hinter sich her ziehend, an mir vorbei. “Brauchen Sie Hilfe?” fragt mich der Mann in Englisch, mit einem französischen Akzent. “Naja, hätten Sie vielleicht eine Rollstuhlrampe im Koffer? Danke, aber ich muss hier warten, ich werde vom Personal abgeholt. Können Sie mir sagen, was das für eine Durchsage war?” “Der Zug wird wegen einer Bombenwarnung evakuiert. Da steht ein verlassenes Gepäckstück in einem Wagon.” Na wenigstens das. Dann fährt der jetzt schonmal nicht weiter. Und ich werde vielleicht doch noch irgendwann hier raus geholt. Vielleicht sogar noch vor der vermeintlichen Bombe. Während ich das noch denke steigt sogar der Lokführer aus dem Zug. Er nickt mir kurz zu, meint “Sie werden ja abgeholt.” Will der mir etwa Mut machen? Wäre das eine Schiffsreise, hätte der gefälligst zuletzt von Bord zu gehen oder mit dem verdammten Ding unter zu gehen. Zählt aber wohl nicht am Bahnsteig. Hier geht ja auch nichts unter. Aber vielleicht ja hoch.

Ich gucke auf die Uhr und mir wird schwindelig. Ich erwarte beim Hochschauen, draussen das Bombenräumkommando vor dem Fenster zu sehen. Stattdessen wuchtet da eine zierliche Dame in Uniform eine Rampe hinter sich her zu meiner Tür. Die hat sicherlich noch nie einen so erleichterten und blassen Fahrgast gesehen. Kaum liegt die Rampe an, schiesse ich auf den Bahnsteig. “Air France, wo ist deren Schalter?” “Der ist im Terminal zwei”. Nein! Ich bin im falschen Terminal. In den Zug brauche ich nicht zurück, der fuhr ja eh nicht mehr weiter. “Da gibt es einen Shuttle Service zum Terminal zwei.” “Super. Wie lange brauchen wir in das Terminal?” “Ach, nur 10 Minuten.” “Klasse. Ich habe noch genau 15!“

Erstmal musste sie aber wieder die Rampe verräumen und fein säuberlich verschliessen. Dann hielt ein älteres Paar beim Vorbeilaufen an, um meine Assistentin nach dem Weg zu fragen. Und während ich mit der Hand am Joystick darauf wartete, mit Vollgas in Richtung Lift los zu schiessen, dreht die sich um und antwortet ruhig gestikulierend auf die Frage. Ich glaube, da muss die Dringlichkeit der Situation nicht ganz mitbekommen haben.

Endlich setzen wir uns in Bewegung. Es geht in Richtung des Flughafen Shuttles, das die Terminals miteinander verbindet. Jeden Moment, den wir auf einen Lift warten müssen, jedesmal wenn sie extra für mich eine spezielle Tür, vorbei an zu engen Absperrungen gemacht für Fussgänger aufmachen muss, scheint sich die Zeit endlos in die Länge zu ziehen. Dann sehe ich das Shuttle an einem Bahngleis vor uns stehen. Und davor eine unendlich lange Menschenschlange von Wartenden. Klar, da wurde ja auch der ganze Zug evakuiert. Irgendwie müssen die alle ja weiter kommen. Die passen nie alle auf einmal in das Shuttle, das jetzt schon fast voll war. Das wars jetzt also. Das nächste Shuttle ist zu spät für mich.

Doch meine Assistentin geht mit mir an der Schlange vorbei, öffnet die Absperrung und schleust mich direkt am Beginn der Schlange in den Shuttle. Als die Tür hinter mir schloss winkte sie mir zu und wünschte mir einen guten Flug. Erster Gedanke: Wow, ich bin doch drin! Zweiter Gedanke: Wie, die kommt nicht mit? Wie soll ich denn dann zu meinem Schalter finden? Ich kenne mich ja überhaupt nicht aus! Wann war das letzte Mal, dass ich ohne Rollstuhl Assistenz an einem Flughafen gewesen bin? Oh, das muss so vor 15 Jahren gewesen sein! Gut, ein Problem nach dem anderen. Ich musste erstmal an der richtigen Station aus diesem Shuttle raus steigen. Glücklicherweise ging das wenigstens auch ohne irgendwelchen umständlichen Rampen. Aber bei den französischen Durchsagen der Stationen über den Lautsprecher war das Problem plötzlich, dass ich gar nicht wusste wann es Zeit für mich war auszusteigen! Und da mich am anderen Ende ja auch keiner abholte, war es meine Aufgabe das rechtzeitig rauszufinden. Also gut, Terminal zwei. In französisch ist das sicherlich so etwas wie „terminal deux” oder so was. Obwohl, die übernehmen ja nicht so gerne englische Wörter. Also gut, irgendwas mit zwei, mit “deux” jedenfalls. Ich starrte aus dem Fenster und überlegte mir, wie es wohl sein wird in einem Flughafen zu übernachten wie Tom Hanks in dem Film “Terminal” – würde ich mich auch von Burgern ernähren und eine gut aussehende Flugbegleiterin kennenlernen? Würde ich den cleveren Flughafenchef wieder sehen? Würde mich das bewaffnete Sicherheitspersonal von Freitag Nacht wieder erkennen? Dann kam eine Durchsage über die Lautsprecher mit einem klaren “deux” darin. Ok was jetzt? Mache ich mich wie geplant aus dem Shuttle und stelle dann fest, dass ich in in einem Parkhaus stehe, ist es aus. Dann habe ich selbst mit meiner Hoffnung auf Burger und Flugbegleiterinnen schlechte Karten. Aber irgendwann muss ich ja aus diesem Shuttle raus. Also gut, dann los. Der Zug hielt, die Türen öffneten sich, und ich fuhr mit mulmigen Gefühl auf den Bahnsteig. Hey, das sah nach einem grossen Terminal aus! Bingo!

Noch 10 Minuten bis der Check-In schloss. Da war jetzt keine Zeit mehr zum Freuen oder Bangen. Ich drängte zum Lift. Hier war mein grösstes Problem: ich war es überhaupt nicht mehr gewohnt, ohne eine Rollstuhl-Assistenz am Flughafen unterwegs zu sein. Die arbeiten hier, die kennen sich aus – und ich folge einfach. Ich bin oft mehrmals im Jahr am Frankfurter Flughafen – aber zu denken, dass ich da auch nur die Toiletten alleine finden würde – vergessen Sie’s! Meine Ortskenntnis an jedem Flughafen beschränkt sich darauf, von der Eingangstüre zum Schalter zu finden, und dort zu erklären: “Hallo, ich habe Assistenz angemeldet! Wann kommt die bitte?”. Und dann schaltet sich auch sämtlicher Orientierungssinn vollständig ab. Nicht aber hier. Diesmal war ich auf mich alleine gestellt. Der erste Wegpunkt zumindest war schon ausgemacht: ab in den Lift, weg vom Bahngleis, ab nach oben! Im Lift dann die Frage – verdammt, in welches Stockwerk muss ich jetzt? Keine Ahnung! Warum stehen da nur Nummern, und sonst nichts! Egal, dann eben ganz nach oben. Der Lift setzt sich in Bewegung. Als sich die Tür wieder öffnet, finde ich mich in einem sterilen, weiten weissen Gang wieder. War ich hier richtig? Nach einer beschäftigten Flughafenhalle wie ich es mir vorgestellt hatte sah das ja nicht aus. Naja also gut. Bevor ich es aber aus dem Seitenteil, in dem sich der Lift befand, auf den Korridor schaffen konnte, musste ich durch eine Absperrung hindurch – kein Problem, wenn man zu Fuss unterwegs war, da ging man einfach zwischen den Pfosten durch. Nur mein Rolli – der passte da nicht durch. Keine Ahnung, was das für eine Sicherheitsmassnahme sein sollte. Wollten die hier alle Rollis fest nageln? Neben den Absperrungen befand sich eine halbhohe Glastüre mit Rollstuhl-Symbol und Klingel daneben. Ich hatte doch keine Zeit mehr hier noch gross rum zu klingeln?! Ich hämmerte ein paar Mal auf die Klingel, und bin mir sicher dass zu dem Zeitpunkt auch das erste “Ihr wollt mich wohl verarschen!” aus dem Mund schoss. Keine Reaktion von der Tür. Diese Klingel bedeutete doch wohl nicht, dass da jetzt von irgendwo, irgendjemand angelaufen kam, um mir die Türe aufzumachen?

Was sollte ich hier wertvolle Sekunden oder Minuten warten, wenn ich nicht mal wusste, ob ich überhaupt auf dem richtigen Stockwerk war! Ich drehte wieder um, entschlossen in den Lift zurück zu fahren, und mich an einem andern, kooperativeren und vielleicht auch vielversprechenderem Stockwerk zu versuchen. Vielleicht einem, dass auch noch nach Flughafenhalle aussah. Ich hatte den Lift noch nicht ganz erreicht, da hörte ich hinter mir “Monsieur?” Ich drehte mich genervt um. Da stand ein Reisender mit Koffer, der im Vorbeigehen auf die sich gerade öffnende Rolli-Türe deutete. Dann wurde die wohl aus der Ferne geöffnet. Ok was sollte jetzt der Plan sein – gebe ich diesem seltsamen Korridor eine Chance, oder warte ich erneut auf den Lift und probiere ein anderes Stockwerk? Ach, jetzt war ich schon hier. Ich drehte auf der Stelle dass es meinen Kopf zur Seite zog, und beschleunigte durch die Tür bevor das dumme Ding wieder zu ging. Jetzt war ich in der Mitte des seltsamen Korridors. Aber ich war richtig! Da waren Schilder, die zu den verschiedenen Teilen des Terminals zeigten. In die eine Richtung eine Reihe von Schildern mit 2a, 2b, 2c, 2d usw. – in die andere Richtung das selbe Spiel, mit anderen Buchstaben! War’s nicht genug, dass ich mein Terminal gefunden hatte? Musste sich da jetzt noch das halbe Alphabet einmischen? Ich hatte ja vor einer halben Stunde nicht mal gewusst von welchem Terminal mein Flug ging! Jetzt musste ich sogar den Teil des Terminals wissen. Links? Oder rechts? Der Korridor was so lang, und die Zeit war fast um. Ich hatte nur eine Chance. Lag ich falsch, würde der Check-In schliessen bevor ich meinen Fehler korrigieren konnte. Das ging jetzt entweder gut… oder eben nicht. Ich drehte nach rechts und gab Gas.

Es sah nicht gut aus. Der Korridor war leer und trostlos. Keine Geschäfte, Souvenirläden oder Restaurants wie ich das von anderen Flughäfen gewohnt war. Nur Reisende, die ihre Koffer hinter sich her an den leeren Wänden vorbei zogen. Ich fuhr mit den vollen 12km/h die mein Rolli hergab Slalom zwischen den Reisenden. Ein paar mal dachte ich, dass ich bei meinem Fahrstil wohl früher oder später einen Touristen unter den Rädern haben werde. Aber es ging nicht anders. Ich hatte keine Zeit mehr, hinter irgend jemandem her zu fahren, zu warten bis sich eine Lücke ergab durch die ich gepasst hätte. Statt dessen rief ich “Excuse moi! Excuse me!” und hoffte, dass jeder rechtzeitig auf die Seite springen würde. Nur ein mal ging ich leicht vom Gas, als ich dabei war knapp an zwei Polizisten mit umgehängten Maschinengewehren vorbei zu rauschen. Nicht, dass die mir alles vermasseln indem sie mich für eine Kontrolle aus dem Verkehr ziehen.

Ich hatte noch sechs Minuten, und das Ende des Korridors kam in Sicht. Endlich sah es nach Flughafen aus so wie ich das kannte! Ich schoss aus dem Gang heraus – und da waren Schalter, da waren Läden und Tafeln mit Flugzeiten an der Wand! Unter einer dieser Tafeln befand sich ein Infoschalter. Hier kamen meine Räder das erste mal – buchstäblich quietschend – zum Stehen. “Entschuldigung! Wo finde ich die Air France?” Dass da noch andere vor mir warteten war mir gänzlich egal. Weit war es laut der erhaltenen Auskunft nicht, und ich hatte noch vier Minuten. Ich schoss am Infoschalter vorbei und ab in die gefüllte Halle mit Reihen von Check-In Schaltern. Ich sah das Air France Schild, und da sass auch noch jemand! Ich hatte es geschafft!

Ich fuhr direkt zum Schalter vor, denn Wartende gab es da nicht mehr. Die Dame am Schalter sah mich verwundert an. “Hallo, ich fliege nach Wien!” “Da sind sie zu spät dran. Wir haben den Check-In schon beendet.” “Nein, das haben sie nicht. Das tun sie erst in drei Minuten!” “Da kann ich nichts mehr machen. Und von einem Rollstuhl wussten wir auch nichts.” Normalerweise bin ich schnell von etwas abzubringen, wenn man mir so ein klares Nein entgegen wirft. Aber nicht hier, und nicht heute. Ich war rechtzeitig hier, hatte nicht mal jemanden auf dem Weg dorthin überfahren (und niemanden wundert das mehr als mich), der Rollstuhl war sehr wohl angemeldet (oder es war zumindest nach bestem Wissen und Gewissen versucht worden), und wenn ich nicht in diesen letzten Flieger komme verbringe ich die Nacht am Flughafen. Nein, hier und heute würde ich nicht nach geben. Das erklärte ich der Dame auch so. Die bat um etwas Geduld und machte sich ans Telefonieren. Und so stand ich da vor dem Schalter und schaute ihr zu wie sie am Telefon scheinbar allen erdenklichen Abteilungen davon erzählte, dass hier noch ein Reisender samt elektrischem Rollstuhl und Gepäck aufgetaucht ist und noch in den Flieger möchte. Zahlreiche Gespräche und lange Minuten später dann ein Auflegen, ein Kopfnicken: “Es kommt gleich jemand der Sie abholt”. Yeah! Entgegen allen Erwartungen der letzten Stunde schien es doch gen Heimat zu gehen. Mein Blick viel auf die grosse Reisetasche auf meinem Schoss. “Ich muss mein Gepäck noch einchecken!” Wieder ein geschockter Blick, ein tiefes Durchatmen: “Dafür ist es jetzt zu spät”. Ich protestierte, denn wenn es auch kein Koffer war, so war meine Reisetasche doch klar zu gross – und dank Rolli-Ladegerät auch zu schwer – um als Handgepäck durch zu gehen. Der Blick der Dame viel auf die Tasche. “Ist das alles an Gepäck?” Vermutlich hatte ich sie bis jetzt schon so gefordert, dass sie mich verdächtige gleich noch weitere drei Koffer, Ski, Surfboard und Hund zum Einchecken zu präsentieren. Ich nickte und sie atmete erleichtert auf: “Das geht als Handgepäck durch.” Was mich in meinem Glauben bestätigte, dass ich wohl die restriktiven Maße für Handgepäck schon immer viel zu ernst genommen habe.

Kaum war mein Rollstuhl mit den nötigen Aufklebern versorgt kam auch schon jemand mit einem Klapprollstuhl angerannt. Ich war offensichtlich nicht der einzige der es eilig hatte. Ein schnelles Umsetzen später waren wir im Eiltempo zur Sicherheitskontrolle unterwegs. Sicherheitskontrolle!

Mit meiner Tasche, von der ich nie gedacht hatte sie in die Passagierkabine mit zu nehmen! Schnell versuchte ich noch einmal, das Packen vom Morgen Revue passieren zu lassen – hatte ich da ein Taschenmesser drin? Irgendwas, was man mir übel nehmen oder wegnehmen könnte? Na um das Wegnehmen wäre es mir mittlerweile egal gewesen, aber ich wäre ungern irgendwo eingebunkert worden nur wegen dem “Versuch” verbotene Substanzen in die Passagierkabine schleusen zu wollen. Natürlich bestand der Sicherheitsmensch gleich darauf, meine Tasche zu durchsuchen. Mein Toilettenbeutel erlitt schwere Verluste. Klar, ist ja alles Flüssigkeit. Duschgel, Deo, Zahnpasta – alles flog in einen Eimer hinter dem Mann, der weiterhin durch meine Tasche grub. Er zog das grosse Ladegerät des Rollstuhls heraus und sah mich fragend an. Nach meiner kurzen Erklärung und der Übersetzung derselben durch meine Rollstuhlschubse reichte er das Gerät an einen Kollegen weiter. Sprengstoffkontrolle. Dauert nicht lang. Meine Begleitung schaute alle paar Sekunden auf die Uhr. Ja gut, jetzt seht ihr mal wie’s mir in eurer Stadt seit heute Nachmittag geht! Das Ladegerät kam – nachgewiesen sprengstofffrei – zurück in meinen Besitz und während ich noch alles wieder in die Tasche zurück stopfte, beschleunigte mein Rollstuhl schon in Richtung Gate dass es mich nur so in die Rückenlehne presste. So schnell war ich mit einem manuellen Rolli noch nie unterwegs wie wir da durch die Korridore schossen. Es mag durchaus sein, dass wir die ein oder andere Kurve auf nur zwei Rädern genommen hatten. Vor der Fliegertür kamen wir quietschend zum Stehen, und ich stellte mir vor wie meine Schubse zum Bremsen ihre Fersen wie Bugs Bunny in den Boden gedrückt hatte und wir eine lange Rauchspur hinter uns her zogen.

Als ich durch den Gang zu meinem Platz lief, war der ganze Flieger schon voll und angeschnallt. Ja danke für’s Warten, Leute! Ich fiel in meinen Sitz und konnte gar nicht zählen, wie oft ich an diesem Nachmittag Glück gehabt habe. Als der Flieger beschleunigte und die Räder die Rollbahn verließen, lachte ich nur noch und bestellte mir ein Glas vin rouge.

Bon Voyage!
 

Bilder und Text ©Michael HeroldSafe Creative #1401030108879

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