Ich bin dann mal in Paris – eine Reise mit Hindernissen (Teil 1)

„Ich wollte ja eigentlich schon lange mal ins Louvre”. Mit dieser Erkenntnis fing es an. Dazu die Feststellung, dass sich das ja eigentlich an einem Wochenende bewerkstelligen lässt. Und dass mein Geburtstag dieses Jahr auf einen Samstag fällt. Damit war es dann eigentlich schon entschieden.

Ich bin dann mal in Paris - eine Reise mit Hindernissen

Aus unerfindlichen Gründen war mir allerdings damals entgangen, dass ich mit meinem geistreichen Plan, den Valentinstag in Paris zu verbringen vermutlich nicht der einzige sein werde.

Ich würde am Freitag Abend direkt vom Arbeitsplatz aus zum Flughafen flitzen. Damit wäre ich kurz vor Mitternacht am Hotel, hätte Samstag (Louvre) und den halben Sonntag (Eiffelturm) in Paris und wäre kurz vor Mitternacht wieder in Wien. Kurz und knackig.

Das würde die kürzeste Auslandsreise werden die ich bisher angetreten habe – wenn auch nur um ein paar Stunden kürzer als der vorherige Rekord in Luxemburg. Ich wollte noch etwas anderes ausprobieren: einfach mal weniger planen. Nur herausfinden, wie ich vom Flughafen zum Hotel und wieder zurück komme und fertig. Keine detaillierten Recherchen zur Barrierefreiheit, keine Plan B’s, keinen Notfallplan, endlich mal ohne zahllose Notizen reisen und ohne einem dutzend neuer Reise-Apps auf dem Smartphone. Diese Art der Planung schien mir bei meinen vorherigen Reisen immer angebracht und auch auf seine eigene Art eine spannende Vorfreude – aber gebraucht hatte ich es nie. Der Kurztrip nach Paris schien die passende Gelegenheit dafür zu sein: Back to the Basics. Etwas weniger Vorbereitung, etwas mehr Pioniergeist! Kolumbus hatte schliesslich auch keine Navi-App auf dem Handy! Naja andererseits weiß man ja auch was bei ihm dabei raus gekommen ist…

Und mir ging es ähnlich. Noch nie hatte ich mich bei einer Reise so planlos und so oft verzettelt wie bei diesem Trip. Ich habe Stunden alleine im Flughafen verbracht und mich wie Tom Hanks im Film Terminal gefühlt. Ich wurde aus einem Zug evakuiert. Meinen Rückflug habe ich nur durch absoluten Zufall drei Minuten vor Schließung erreicht. Das totale Chaos. Aber eines nach dem anderen.

Also noch mal zurück zum Anfang:

Mein Hotel war so gewählt, das es sowohl nahe am Musée de Louvre als auch dem Eiffelturm lag. Das Châtelet Les Halle war eine Bahnstation ganz in der Nähe und laut allwissendem Internet sind zumindest alle Bahnen mit Rampen ausgestattet. Anders als das Pariser U-Bahnsystem, das sicher noch nie einen Rollstuhlfahrer gesehen hat. Um also vom Flughafen zum Hotel zu kommen könnte ich entweder wieder ein Rollstuhltaxi nutzen (das wäre teuer), oder vom Flughafen aus mit einem Zug zum Châtelet Les Halle fahren. Zu meinem Hotel waren es von dort aus dann nur zwei Kilometer und die würde ich in der Nacht wohl problemlos schaffen ohne verloren zu gehen. Korrektur: Ich “könnte“ es vielleicht problemlos schaffen. Ich habe einen grauenhaften Orientierungssinn und verfahre mich immer noch regelmäßig zwischen Arbeitsstelle und Wohnung. Deshalb war mein einziges Eingeständnis an meine Vorbereitungsdiät eine App mit Pariser Stadtplan. Ulmon’s CityMaps2Go finde ich dabei am geeignetsten, da neben dem Stadtplan und Standort auch die momentane Blickrichtung angezeigt wird. Für jemanden wie mich, dessen Orientierungssinn nur von seiner Fähigkeit Karten zu lesen unterboten wird ist das von unschätzbaren Wert. Außerdem lassen sich Stadtkarten kostenlos im Voraus runterladen.

Zwischen Idee zur Reise und Abflug lagen gerade mal zwei Wochen. Die nutzte ich um erste Schritte in der französischen Sprache zu machen. Nicht weil ich irgendwelche Hoffnungen hatte mich dort unterhalten zu können, sondern weil ich es nur höflich finde es zumindest mit ein paar Floskeln zu versuchen. Wenn es um das Lernen von Sprachen geht führt meiner Meinung nach mittlerweile nichts mehr an Duolingo (www.duolingo.com) vorbei – kostenlos, werbefrei, intuitiv und immer wieder motivierend hat die Webseite mich und viele meiner Freunde begeistert. Am Ende war ich selbst überrascht wie viel ich innerhalb von nur zwei Wochen lernen konnte.

In dieser Zeit des Lernens und Wartens beschloss dann eine Freundin, kurzerhand mit nach Paris zu kommen. Sie wohnte nicht weit von Paris entfernt und konnte es einfach mit dem Zug erreichen. Wir würden uns einfach unkompliziert im Hotel treffen.

Freitag Abend stand das Rollstuhltaxi wie bestellt in Wien vor meinem Arbeitsplatz. Mit 50 Euro für die Fahrt vom Zentrum Wiens zum Flughafen zwar etwas luxuriös, aber die Zeit bis zum Abflug – meiner war der letzte Flieger nach Paris an diesem Tag – war zu knapp bemessen um mich auf die Wiener Straßenbahnen zu verlassen. Deren Beitrag zur Barrierefreiheit der Stadt basiert auf dem Glücksprinzip: man weiss nie wann die nächste Niederflurbahn fährt und man freut sich dann ganz doll wenn endlich eine kommt.

Am Flughafen dann der übliche Check-In. Nur dass man sich diesmal über das Schweitzer Taschenmesser in der Seitentasche meines Rollis mokierte. Ich verpacke meinen Rollstuhl vor Übergabe an das Verladeteam immer in Luftpolsterfolie, und die ist eine wahre Freude wenn man am Zielflughafen kein Taschenmesser zur Hand hat. Nach längerer Diskussion, in der der Satz “Das Messer befindet sich in der Seitentasche vom Rolli, und der ist im Laderaum des Fliegers!” mehrmals fiel, wurde mir die Mitnahme vom bis dahin angesammelten mehrköpfigen Sicherheitsteam dann doch gestattet. Unter der Voraussetzung, dass sich meine Flughafen Assistenz akribisch versichert, dass das Taschenmesser bei Verladung auch genau da ist. Sicher ist sicher.

In Paris angekommen wurde ich gleich von der Flughafen Assistenz aus dem Flieger geholt und war erstmal von der mangelnden Fähigkeit meines Assistenten auch nur rudimentäres Englisch sprechen zu können doch sehr überrascht. Glücklicherweise hatte “rouge” in den Tagen zuvor seinen Weg in meine Französisch-Kenntnisse gefunden, und so kam ich mit stolzem Ausrufen und Händefuchteln tatsächlich an meine rote Reisetasche auf dem Gepäckband. Dann wurde mein Rolli am Sperrgut Schalter entgegengenommen, ausgepackt und ausprobiert. Ready to go! Während der Wartezeit hatte mir meine Assistenz das Übersetzungsprogramm auf seinem Smartphone vorgeführt und wir konnten uns ausgelassen unterhalten. Er würde etwas mir total unverständliches (ausser, es kam “rouge” darin vor) in französisch in sein Handy plappern, und ein paar Sekunden später kam das ganze in bestem Englisch über die Lautsprecher an meine Ohren.

Die ganze Warterei auf Gepäck und Rolli hatte trotz ihres Unterhaltungswertes doch sehr lange gedauert, und ich beschloss die Idee der Zugreise und des anschliessenden Navigierens durch Paris bei Nacht noch einmal zu überdenken. “Wie kompliziert ist es denn, hier kurzfristig ein Rollstuhltaxi an den Flughafen zu bekommen?” quakte ich in das Smartphone meines Gegenübers. Das sei überhaupt kein Problem, die würden hier buchstäblich bereit stehen. Also gut, Planwechsel. Es war schon spät, und allmählich war es mir um die Taxigebühr auch egal. Vor dem Terminal war dann eine Bedienstete des Flughafens auch gleich dran, über Funk ein entsprechendes Taxi zu bestellen. Ein paar Minuten später fuhr ein Van vor und der Fahrer begann sogleich Getränkekisten aus dem Kofferraum zu laden um Platz zu machen. Ich erklärte den Anwesenden, dass ein Rollstuhltaxi eine Rampe oder einen Hebelift hat und dass es mir nicht danach war vor dem Hotel nach Freiwilligen zu suchen, die meinen E-Rolli wieder aus einem Kofferraum hieven. Das schien allen einzuleuchten, und einige der Taxifahrer eilten herbei um Broschüren auszuhändigen auf denen auch ein Service speziell für Rollstuhlfahrer gelistet war. Ein Taxi bestellt man – meiner zugegeben beschränkten Erfahrung nach – in Paris so: man ruft die Taxihotline an, und erklärt dem Nicht-Englisch-Sprechenden am anderen Ende was man möchte. Ein paar Minuten später wird man dann zurückgerufen, aller Erfahrungswerte nach wieder in französisch, um nachzufragen ob man das Taxi denn wirklich immer noch möchte. Dann werden die Dinge (vermutlich) in die Wege geleitet. Mein Assistent hatte sich in der Zwischenzeit per Übersetzungsprogramm in den Feierabend verabschiedet. Seine sehr gut englisch sprechende Ablöse erklärte mir entschuldigend, dass der Charles de Gaulle Flughafen leider sehr schlecht auf solche Situationen vorbereitet sei. Das wurde mir schnell klar als wir von der Straße wieder zurück in den Flughafen gehen wollten – die Türen gingen gar nicht mehr auf. “Ihr Flieger war der letzte des Tages, der Flughafen ist geschlossen.” Ich lachte. “Nein, wirklich. Hier geht bis morgen früh nichts mehr”, bestätigte sie.

In der Zwischenzeit hatte uns ein Wachmann mit Maschinengewehr die Türe von innen wieder aufgemacht. Drinnen ging die Warterei und Telefoniererei mit der Taxihotline weiter. Denn ein Taxi war nach über einer Stunde immer noch nicht erschienen. Auch meine neue Assistentin verabschiedete sich nun, und übergab mich in die Obhut eines edel gekleideten Mannes den sie mir als ihren Chef vorstellte. Mit dem schlenderte ich nun also durch den Flughafen, auf das Auftauchen oder den Rückruf eines Rollstuhltaxis wartend. Die Szenerie war fast schon komisch. Charles de Gaulle war menschenleer. Kein Geschäft war offen, kein Reisender war irgendwo zu sehen. Einzig Sicherheitspersonal mit Spürhunden war in den Gängen unterwegs. Dumm nur, das ich davon kein Photo gemacht hatte. Aber allein in einem internationalen Flughafen mit einem Verhältnis von Michael zu Sicherheitspersonal von 1:100 wäre das begeisterte Fotografieren der Lokalitäten vielleicht eh keine gute Idee gewesen. Ich fragte meinen Begleiter, ob er wegen mir jetzt länger auf der Arbeit bleiben müsste. “Nein, ich bin der Leiter des Flughafens. Ich bin die ganze Nacht hier.” Na, da war ich wenigstens mit dem Big Boss an meiner Seite gestrandet. Der hätte zur Not sicher auch einen Schlüssel für die Rollstuhl-Toilette parat. Unterbrochen wurde unsere Parade durch den Airport nur von gelegentlichen Anrufen bei der Taxihotline um zu fragen, ob denn noch mal jemand käme, und deren Rückruf ein paar Minuten später um zu fragen, ob wir wirklich noch eins wollten. Gegen Mitternacht kam da schon Routine auf. Pläne doch noch den Zug zu nehmen scheiterten daran, dass die mittlerweile auch dicht gemacht hatten. Wir verlagerten unser Warten auf den Gehweg vor dem Haupteingang im Obergeschoss. Denn dem Big Boss war eingefallen, dass sich zwischen der Zufahrtsstrasse zu den Seitenteilen des Flughafens und den Ausgängen dort eine Schranke befand. Die war garantiert seit geraumer Zeit ebenso unbesetzt wie der Rest des Flughafens und vielleicht mit ein Grund dafür, dass keins der bestellten Taxis ankam. Gut kombiniert, Watson. Kein Wunder, dass der den Laden schmiss.

Kurz nach Mitternacht – ich hatte bei gefühlten Null Grad vor dem Haupteingang pseudo-euphorisch mit einem erstickten “Yay!” in meinen Geburtstag hinein gefeiert – kam dann ein Auto mit Taxischild um die Ecke geklappert. Unglaublich, da waren gerade mal drei Stunden zwischen der Bestellung und der unmittelbaren Ankunft vergangen. Zwar hatte das Fahrzeug eine ordentliche Rampe und Ladefläche, schien mir aber bei einer Zuladung von 100kg + Michael der Schwelle zum Totalschaden erschreckend nahe zu kommen. Egal. Ich wollte zu dem Zeitpunkt nur noch in mein Hotel und Bett. Da half es fast schon, dass ich mir auf der Autobahn bei jeder Bodenwelle den Kopf an der Taxidecke anstieß. Fast eine Stunde und 120 Euro später – Service kostet eben – war ich an meinem Hotel angekommen. Die Unterkunft selbst ging in dieser Nacht nur schemenhaft an mir vorüber, und ich erinnere mich nur noch daran auf dem Weg zu meinem Zimmer an einem weißen Hasen vorbeigefahren zu sein als ich durchgefroren und müde in mein Bett fiel.

Am nächsten Morgen wachte ich jedenfalls in einem traumhaften idyllischen Hotel auf. Das Hotel du Dragon liegt nur ein paar Gehminuten südlich der Seine im 6. Arrondissement. Das rollstuhlgerechte Zimmer mit weiter Schiebetüre in ein grosses Badezimmer mit befahrbarer Dusche liegt am Ende eines schönen Innenhofs mit zugewachsenen Wänden und einem Fischbecken. Einzig die breite Zimmertüre bereitete mir etwas Probleme bei dem Versuch sie hinter mir zu schließen und zu verriegeln. Das Hotel ist wunderbar altmodisch und heimisch eingerichtet und entzog der kurz auftauchenden Frage, ob ich es denn wirklich nach Paris geschafft hatte, jeden Zweifel. So hatte ich es mir hier vorgestellt! Der Weg durch die zugegebenermaßen etwas zugestellten Korridore bis zum Frühstücksraum machte ein paar enge Dreipunkt-Wendungen und das aus dem Weg räumen einiger Stühle durch meine Begleitung notwendig. Wenig störend, denn das Personal war freundlich und hilfsbereit. Das angebotene Frühstück war es auf jeden Fall wert – frisch aufgebackene Croissants und Baguette mit warmer Butter, Marmelade und Käse, dazu frischen Orangensaft und herrlichen Kaffee. Und ja, da im Vorraum saß doch wirklich ein flauschiger weißer Hase in einem Käfig und zwinkerte mir wissend zu.

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Reiseplan: einmal verlaufen, bitte!

Anschliessend ging es raus in die Stadt, in Richtung des nicht zu weit entfernten Musée du Louvre. Denn allem voran stand ja heute mein Geburtstagsdate mit der Mona Lisa auf dem Programm. Da hatte ich meine Planung aber ohne das wunderschöne Paris gemacht! Am Tag zuvor saß ich im Flughafen neben einer jungen Pariserin, die mir erklärte: “In Paris darf man keinen Plan haben. Man muss sich einfach in der Stadt verlieren. Nur so sieht man Paris!” So kam es dann auch. Wir mussten bei den zahllosen kleinen und engen Straßen mit so vielen alten Gebäuden, Antiquitätenläden und Straßencafés wirklich all unsere Willenskraft aufbringen, um nur halbwegs unserer Route zu folgen. Zu oft verlockte eine Seitenstraße oder ein Geschäft dazu, doch mal schnell einen Umweg zu machen um nur noch diese eine Straße, dieses eine Schaufenster, diesen einen Hinterhof zu betrachten. Dabei sind die Gehwege an Übergängen immer angenehm abgeflacht. Nur auf die vielen Kopfsteinpflaster muss das eigene Hinterteil gefasst sein. Auch darauf, dass gerade bei kleineren Straßen die Gehwege so schmal sind, dass jeder Entgegenkommende nur über einen Seitenschritt auf die Fahrbahn oder das höfliche Warten in einem Hauseingang an meinem Rollstuhl vorbei kam. Oft genug war unsere zweiköpfige Reisegruppe so unterwegs, dass ich den Gehsteig vollends für mich einnahm und meine Begleiterin neben mir auf der Strasse ging. Das scheint jedoch für jeden so zum Stadtbild zu gehören, dass nichtmal Autofahrer daran Anstoß nahmen. Ich bin mir sicher, dass man selbst ohne jeglichen Plan problemlos mehrere Wochen in Paris umherziehen kann, ohne sich jemals satt gesehen zu haben.

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Die Cathédrale Notre-Dame de Paris

Aber ich musste auf die grobe Einhaltung unserer Richtung gen Louvre bestehen, denn so eine alte Dame wie die Mona Lisa wollte ich nur ungern zu lange warten lassen. Ausserdem hatte es in der Zwischenzeit angefangen zu regnen und mein Zustand näherte sich einer vollkommenen Durchnässtheit. So brachte uns unsere improvisierte und staunende Tour durch das 6. Arrondissement dann schließlich an die Seine, mit ihren zahllosen Verkaufsständen. Hier gibt es nicht nur die erwarteten Souvenirs, sondern auch Stände voller alter Bücher, Schallplatten, Gemälden und Zeichnungen. Alleine hier werde ich bei meinem nächsten Parisbesuch noch mal einige Zeit mit gezücktem Geldbeutel verbringen müssen. Nur ein kurzer Umweg musste noch mal in Kauf genommen werden, denn am Horizont zeichneten sich die Spitzen der Cathédrale Notre-Dame de Paris ab. Die paar Meter konnte ich dann doch mit einer Verspätung zu meiner Verabredung vereinbaren. Mona würde das verstehen können. Vor der Kathedrale dann ein mittlerweile gewohntes Bild: dutzende von Touristen mit Selfie-sticks. Aber gut, es ging ja auch nur darum mal da gewesen zu sein, einen kurzen beeindruckten Blick auf das berühmte Gebäude zu werfen, und mein durchnässtes Selbst wieder weiter in Richtung Seine-Überquerung zu steuern.

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Die Liebesschlösser am Pont des Arts wurden ein paar Monate nach meinem Besuch in Paris entfernt

Die Brücken, die über den Fluss führten, waren damals allesamt noch bis zur Überladung vollgehangen mit Schlössern. Angebracht von Liebenden mitten in der Stadt der Liebe, sollten die das ewige Anhalten derselben symbolisieren. Die neu gewählte Bürgermeisterin (und wohl auch das Bauamt) hielt von derartigen Sentimentalitäten weniger, und so wurden seit meinem Besuch dort mehrere Tonnen von Schlössern entsorgt. Ob das im Gegenzug zu einer statistisch signifikanten Erhöhung von Scheidungen geführt hat ist allerdings unbekannt.

Vor uns baute sich das Musée du Louvre nun endlich auf. Beim Anblick des riesigen Baus wurde klar: der Architekt hatte sich das “Und machen Sie’s beeindruckend!” auf der Auftragsbeschreibung sehr zu Herzen genommen. Der Innenhof des mächtigen Gebäudes, mit der gläsernen Pyramide du Louvre und dem Arc de Triomphe du Carrousel etwas ausserhalb des Areals muss das Mekka der Selfies sein. Hunderte von Pärchen, mit ausgestreckten Armen (oder Selfie-sticks) tummelten sich hier grinsend im Hof und dokumentierten ihre Reisetrophäe. Nach dem natürlich eigenen Griff zur Kamera und dem Aufsetzen meines besten Touristengrinsens machten meine Begleiterin und ich uns auf, durch die Massen von Menschen zu navigieren.

Der Eingang zum Louvre befindet sich in der Glaspyramide und die Schlange die dort auf Einlass wartete, würde jeden Apple Store beim Erscheinen eines neuen iPhones das Wasser reichen können. Als Rollstuhlfahrer kann man das Fussvolk getrost weit umfahren und mit seiner Begleitung direkt zu der kleinen, mit einem Rollstuhlsymbol versehenen Absperrung neben dem Eingang fahren. Dort wurden unsere Taschen oberflächlich vom Sicherheitspersonal durchsucht (“Wenn Sie mir sagen wonach sie suchen geht’s vielleicht schneller?” “Nein, schon gut. Gehen Sie weiter.”) und wir wurden in das Museum gelassen. Ein grosser, freistehender Lift mit eigenem Personal bringt mobilitätseingeschränkte Besucher in die Eingangshalle hinunter. Übrigens steht es auch jedem anderen frei, die lange Warteschlange zu vermeiden indem man sich in der unterirdischen Carousel Mall ein Ticket holt und direkt in diese Halle kommt. Genauere Nachforschungen überlasse ich aber dem interessierten Leser, ich werde mich auch in Zukunft einfach auf meinen Rollstuhl verlassen.

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Der Anfang(!) der Warteschlange vor dem Eingang zum Louvre…

 

Von der Eingangshalle führten Wege in alle Richtungen zu den verschiedensten Ausstellungen. Mich brachte mein Misstrauen, für all das wirklich keinen Eintrittspreis zahlen zu müssen aber doch erstmal zum Ticketstand in der Mitte. Nein, ich und meine Begleiterin könnten kostenlos so lange bleiben wie wir wollten, und „haben Sie viel Spaß im Museum!“ Also gut. Aber erstmal brauchte ich einen heißen Kaffee und etwas zu Essen, denn ich war von dem regnerischen Paris durchnässt bis auf die Stoßdämpfer. Auch hier braucht man nicht an den langen Schlangen vor dem Tresen zu warten sondern fährt selbstsicher zum Rollisymbol neben der Kasse und wird gleich versorgt. Das war auch gut so, denn der Tag schritt zügig voran.

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Das Louvre, fotografiert aus dem Louvre. So groß ist das hier.

Die richtige Ausstellung war schnell ausgemacht und wir wandelten staunend durch die langen Gänge und Seitenräume die vom Boden bis zur Decke voll mit Gemälden hingen. Skulpturen und Büsten standen auf Sockeln an jeder Ecke. Ich glaube, wer sich ohne Führung oder ohne eines der an der Eingangshalle verfügbaren Audioprogrammen hier auf den Weg macht, verpasst das meiste. Man weiß dann einfach nicht, was für eine Geschichte hinter den Bildern steht oder warum diese historisch so interessant sind. Bei einigen der mittelalterlichen Gemälde dachte ich mir oft, dass der Schaffende vorher noch nie einen Pinsel in der Hand gehalten hat. Ganz klar Unwissen meinerseits um das Dargestellte oder die angewandten Techniken und bei meinem nächsten Besuch werde ich viel Zeit (und Audioprogramme) mitbringen um diese Wissenslücken zu schliessen. Hin und wieder kommt man an einem Bild vorbei, dreht noch mal um und denkt “Hey, das habe ich schon tausende Male gesehen!” und steht dann zum Beispiel direkt vor Delacroix’s “Die Freiheit führt das Volk” – zusammen mit dutzenden smartphoneschwingenden, deutenden Touristen. Und tut genau das selbe.

Ich bin dann mal in Paris - eine Reise mit Hindernissen

Ein erstes Kennenlernen.

Der Raum in der DaVinci’s berühmtestes Gemälde ausgestellt ist, ist leicht an den Menschentrauben zu erkennen. Bis vor einiger Zeit war die Mona Lisa in einem gangähnlichem Aufbau zu sehen, durch den sich die Besucher nacheinander schoben. Jeder konnte einen kurzen Blick darauf werfen und wurde dann weiter geschoben. Mittlerweile hängt die Mona Lisa unter dem Konzept “A closer look” offen im Raum und wird von einer Absperrung von ein paar Metern und zahlreichem Personal von der Menschenmenge abgeschirmt. So kann jeder das Gemälde so lange er möchte und so nah er es in der Menge schafft betrachten. Ich in meiner sitzenden Position sah von ganz hinten natürlich gar nichts. So wartete ich in der Menge bis vor mir ein paar Zentimeter frei wurden und schob mich wieder ein bisschen weiter nach vorne. Geduldig schon fast an der Absperrung angelangt hatte ich sicherlich auf meinem Weg dort hin ein paar blaue Flecken bei anderen verursacht – Kunst schmerzt halt manchmal. Dann sah mich ein Mitarbeiter des Museums und kam lächelnd auf mich zu. Zu meiner Überraschung öffnete er die Absperrung und winkte mir hindurch zu fahren. Ich konnte meinen Rollstuhl nur einen Meter von der Mona Lisa entfernt parken! Hier sass ich lange und betrachtete das kleine gerahmte Bild. Eigentlich dachte ich – vermutlich wie jeder andere – dass die Mona Lisa nichts anderes ist als das berühmteste Gemälde der Welt. Etwas, das man mal gesehen haben muss. Aber die Mona Lisa ist mehr. Nach ein paar Minuten kam es mir vor, als würde mich diese Person wirklich ansehen, als sähe das Gemälde durch das Panzerglas hindurch direkt in meine Augen. Mit einem liebenden und verstehenden Blick. Das klingt verrückt, aber diese Jahrhunderte alten Ölfarben, von einem Pinsel auf eine Leinwand verteilt, schienen Leben in sich zu haben. Sicher werden mich daraufhin jetzt viele auf verwendete Maltechniken, Sfumato und Perspektiventechniken hinweisen. Ich bejahe all das, aber spreche der Mona Lisa auch eine ganz eigene Magie zu. Ich weiss nun, dass sie aus gutem Grund das berühmteste Bild der Welt ist. Diese Begegnung ging mir noch lange nach, als wir uns wieder auf machten um uns noch weiter umzusehen. Um 17 Uhr wurden wir dann überraschend aus dem Louvre eskortiert da das Museum schon schloss.

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Stalker? Fan? Oder einfach auch nur zum Essen aus?

Auf dem Weg zurück zum Hotel, durch die hell beleuchteten Seitenstraßen und das Glitzern der noch nassen Straßen, war das Angebot an Restaurants für das anstehende Abendessen fast schon überwältigend. Gut, dass die Notwendigkeit eines ebenen Eingangs der freien Wahl Grenzen gesetzt hatte, oder wir hätten uns wohl nie entscheiden können. In dem Restaurant konnte ich mich dann auch gleich mal mit meinen neuen Französisch-Kenntnissen versuchen, musste aber schnell feststellen wo der Unterschied zwischen gekonntem Vokabular und der richtigen Aussprache desselben liegt. Im bangen Glauben unter Umständen Weinbergschnecken zu bestellen, besann mich mich dann doch wieder auf das Englische. Schon komisch – bei all den kulinarischen Exkursionen die ich bereits unternommen hatte, klappen bei dem Gedanken an Schnecken die Schutzwälle hoch und es werden die übelsten Drohgesten ausgepackt. Aber, Schneckenliebe hin oder her, in Paris kann man unglaublich gut essen – und trinken. Erst beim Nachtisch fiel mir auf, dass an der Wand neben uns die gerahmte Mona Lisa hing und uns anlächelte. Entweder, das war eine Kopie des Originals – oder diese Dame hat ein gewaltiges Problem loszulassen! Auf dem Weg zum Hotel bestätigten mir jedoch zahlreiche Blicke über die Schulter, dass sie nicht weiter zu folgen schien.

Über die üblichen verträumten schmalen Gassen waren wir wieder im Hotel angekommen nach einem so langen und schönen, wenn auch ziemlich kalten Tag. Auf dem Weg zum Zimmer zwinkerten der flauschige weiße Hase und ich uns erkennend zu. “Oui Paris, la Ville lumière, la ville plus visitée au monde. – Ja Paris, die Stadt der Lichter, die meistbesuchte Stadt der Welt.” schien sein von Knabbern unterbrochenes, wissendes Schmunzeln sagen zu wollen.
Im Nachhinein glaube ich, dass es mit meiner Fähigkeit Lippen zu lesen an dem Abend nicht gut stand und er statt dessen sagen wollte: “Schlaf du dich noch mal gut aus mein Lieber, denn morgen, da geht ALLES schief.“

Am nächsten Tag sollte ich den Eiffelturm sehen, und von dort oben ganz Paris. Dann würde ich endlos lange auf Busse warten. Ich würde durch ein verlassenes Shoppingcenter jagen, auf der Suche nach einem Bahnsteig. Ich würde alleine in einem evakuierten Zug auf eine Rollstuhl Rampe warten während die Polizei anrückt um eine Bombe zu räumen. Wenige Minuten vor Abflug meines Fliegers ganz verloren durch einen Flughafen irren, in der Hoffnung noch irgendwie nach Hause zu kommen. Aber mehr dazu im nächsten Teil.


Text und Bilder ©Michael Herold  Safe Creative #1401030108879

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