Davon ein unsichtbarer Superheld zu sein

Wenn ich gefragt werde was es mit meiner Behinderung auf sich hat, beschreibe ich mich gerne als Superheld der zu spät kam als die Superkräfte vergeben wurden. Ein Superman der am wichtigsten Tag seiner Karriere verschlafen hat. Anstatt in einem hautengen Anzug durch die Luft zu fliegen bin ich der erste Superheld der Welt, der sehr langsam und schwach ist. Einer der keinen Umhang trägt weil er sowieso ständig drüber stolpern würde.

Davon ein unsichtbarer Superheld zu sein

Jetzt wo ich seit fast einem Jahr einen elektrischen Rollstuhl verwende, habe ich meine wirkliche Superkraft entdeckt: ich bin unsichtbar geworden. Glücklicherweise wäre das eh meine erste Wahl gewesen, wenn ich es mir hätte raussuchen können.

Aber jetzt wo mich die Leute nicht mehr sehen, ist es doch nicht so cool.

Wenn ich sage, dass mich keiner mehr sieht meine ich nicht, dass ich absichtlich ignoriert werde. Eigentlich genau das Gegenteil. Seit ich von Fussbetrieb zu Heckantrieb gewechselt habe, werde ich mehr denn je von Fremden freundlich angelächelt. Wahrscheinlich seht ihr nicht oft einen lachenden Menschen im Rollstuhl, der mit einer Plüsch-Kuhmütze durch die Stadt rollt.

Das heisst, wenn ihr mich seht.

Die meiste Zeit bin ich einfach ausserhalb eures Sichtfeldes. Wegen meiner sitzenden Position bin ich in eurem toten Winkel. Keiner achtet auf ein bewegtes Hindernis auf Bauchhöhe. Ihr schaut links und rechts, nicht runter. Wenn ich nicht gerade direkt auf euch zukomme, bin ich einfach nicht sichtbar. Ich kann minutenlang neben jemanden stehen, und falle erst dann auf wenn der einen Schritt zur Seite macht und über mich stolpert. Durch eine Menschenmenge zu fahren die in die andere Richtung unterwegs ist (und dabei ununterbrochen auf ihre Handys guckt) ist, als würde ich Slalom durch ein Asteroidenfeld fliegen – Millennium Falcon style. Ausser, dass ich halt nicht halb so manövrierfähig bin. Ich kann nicht mal eben schnell zur Seite treten – ein beliebtes Manöver in einer Menschenmenge. Ich kann vielleicht eine Dreipunkt-Wende ausprobieren, aber das ist dann auch schon mein ganzes Repertoire was Ausweichmanöver in engem Raum angeht.

Wo auch immer ich fahre, ich muss mindestens genauso viel darauf aufpassen was alle anderen machen wie auf mich selbst. Das ist die einzige Möglichkeit überhaupt vorwärts zu kommen ohne jemanden zu überfahren.

Und selbst wenn ihr mich seht vergesst ihr mich wahrscheinlich fast sofort wieder. Als wäre ich eine Störung in der Matrix. Wie diejenigen, die mich an der U-Bahn Station sehen und sich dann vor mir in den Zug drängen, nur um direkt in der Tür stehen zu bleiben. Das und die Tatsache, dass es meist mit dem Tragen von Kopfhörern einhergeht, hat schon viele Fahrgäste mit blauen Flecken versehen. Eine Aufmerksamkeit von Mr. Unsichtbar, der in den selben Zug wollte und sich kein Gehör verschaffen konnte. Und jemanden, der bei der Unternehmung kein Blutvergiessen scheut. Denn so läuft das bei uns Superhelden.

Wenn ich auf dem Gehweg unterwegs bin gibt es keine Chance, an denen vor mir vorbei zu kommen. Fussgänger haben die nervige Angewohnheit immer in der Mitte jedes Gehweges zu laufen, egal wie schmal oder breit. Also egal ob es ein gestresster Geschäftsmann oder eine alte Dame mit Hund ist, ich hänge hinten dran fest. Jeder andere kann sicher einfach links oder rechts dran vorbei gehen. Mein Fahrwerk ist zu breit um selbst am dünnsten Model vorbei zu passen. Und das Summen meiner Elektromotoren wird auch nicht gehört, weil ich gelernt habe ein paar Meter Sicherheitsabstand zu halten. Ich kenne eure Tendenz, ohne Ankündigung oder ersichtlichen Grund einfach mal schnell in der Mitte des Weges stehen zu bleiben. Also bleibe ich weit hinten dran, um Auffahrunfälle zu vermeiden.
Meine einzige Möglichkeit ist also ein “Entschuldigung?” und die Hoffnung gehört zu werden und Platz zu bekommen. Aber eine Minute später hänge ich hinter dem nächsten, werde der ganzen Sache müde und fahre einfach langsam hinterher.

Vor kurzem ist einer dieser winzigen Hunde fast in mich rein gelaufen. Unter mich, um es genau zu nehmen. Man sollte meinen, dass eine Spezies deren Überleben davon abhängt nicht von jedem zu Tode getrampelt zu werden, die Augen und Ohren offen hält? Der Evolution wegen? Stattdessen sieht mich dieser Hund nur wenige Meter vor der kompletten Plättung (der sogenannte Pfannkuchen Ereignishorizont), reisst die Augen weit auf und macht einen Sprung zur Seite der jeden Grasshüpfer dazu gebracht hätte, seine Karrierechancen zu überdenken.

Die einzigen die meine Unsichtbarkeit nicht täuscht, ohne jede Ausnahme, sind Tauben. Die Evolution hat sie wohl in Erwartung von Rollstuhlfahrern gemacht. Sollte ich jemals der Star eines Superhelden-Comics oder -films werden, dann wird mein Erzfeind wohl Tauben-Man, die fliegende Ratte der Unterwelt sein.

Ich bin bereit. Aus grosser Macht folgt grosse Verantwortung.


Text ©Michael Herold  Safe Creative #1401030108879
Bild ©iStock.com/Brett Lamb

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