Backpacking Thailand, Teil 2

Nach meiner Flucht aus Bangkok und der gestressten Suche nach einer rollstuhlgeeigneten Wohnung in Hua Hin (siehe Backpacking Thailand, Teil 1) hatte ich endlich etwas Ruhe und Frieden gefunden. Jetzt wollte ich mich so viel es ging in die thailändische Kultur vertiefen. Und das war schwieriger als ich dachte.

Backpacking Thailand Part 2

Nach dem Stress der ersten Wochen konnte ich endlich wieder Zeit zum Arbeiten finden – ich feilte an meiner Webseite, schrieb Artikel für verschiedene Magazine und Blogs und bereitete ein paar Vorträge für das nächste Jahr vor. An manchen Tagen war ich so in meiner Arbeit versunken, dass ich ganz vergass aus der Wohnung zu gehen. Das war auch in Ordnung so, denn es war ja schliesslich der Plan dieser Reise, mein “normales” Leben weiter führen – und es eben mit einem Abenteuer verbinden. Wenn ich dann doch mal eine Auszeit brauchte, war ich mit meinem Rollstuhl innerhalb von Minuten am Strand oder dem Markt. Es spricht wohl für den kulturellen Unterschied, dass es ganze zwei Wochen gedauert hat bis ich diesen Einkaufsort der Thailänder entdeckt hatte – obwohl er nur 200m von meiner Wohnung entfernt war. Ich fand ihn als ich mich mal wieder verfahren hatte – eine lebenslange Angewohnheit dank derer ich immer wieder interessante Orte entdecke. Der langen Tradition vieler Touristen folgend, versuchte ich durch die nächstbeste düstere und verwinkelte Gasse zurück nach Hause zu finden. Doch je weiter ich ihr folgte, desto mehr wurde Sie von Essens- und Kleiderständen verschmälert. Gut, so würde ich schonmal weder verhungern noch zu sehr aus der Mode geraten.

Backpacking Thailand Part 2

Wer hat den Fisch bestellt?

Anstatt mich wieder in die Freiheit zu bringen öffnete sich die Gasse in eine riesige Halle mit hunderten von Ständen aller Art. Der Geruch von frischem und getrocknetem Fisch hing in der Luft. Küchen, Gemüsestände, Obstverkäufer und bunte Delikatessen reihten sich neben Spielwaren, Kleidern und Buddha-Shops. (So nannte ich die Läden, die Kerzen, Räucherstäbchen, Schalen und Blumenkränze anboten: rituelle Gegenstände deren Gebrauch für die Thais alltäglich ist und die es überall zu kaufen gibt.)

Während meiner Zeit in Thailand wollte ich soweit es ging an dem alltäglichen Leben im Land teilnehmen. Ich wollte nicht der Tourist sein, der mit Reiseführer und Kamera ausgestattet die örtlichen Sehenswürdigkeiten in einem Buch studiert und dann aus der Ferne fürs Fotoalbum ablichtet.

Backpacking Thailand Part 2

Eng aber ebenerdig: der day market

Ich wollte selbst mitten drin sein: ich wollte dort essen, wo die Thailänder in ihrer Mittagspause einkehren. Ich wollte mein abendliches Bier dort trinken, wo auch die Thailänder nach getaner Arbeit gemütlich beisammen sitzen. Ich wollte den örtlichen Markt mit seinen Pfützen, streunenden Katzen und hindurchfahrenden Rollern der glänzenden, westlich orientierten Shopping Mall vorziehen. Mich nicht im Reiseführer über die Umgebung und Gepflogenheiten informieren, sondern beim Smalltalk mit den Einheimischen.

Backpacking Thailand Part 2

Wheelchair? No thanks.

Das stellte sich in der Planung dann aber wesentlich romantischer dar als bei der Umsetzung vor Ort, denn die Barrieren waren enorm. Ich kam mir ein bisschen vor wie ein kleines Kind: das meiste das zu mir gesagt wurde konnte ich nicht verstehen. Ich selbst konnte mich kaum verständlich machen. Vieles von dem was um mich herum passierte verstand ich nicht. Geschriebenen Text lesen zu können stand vollkommen ausser Frage. Und obendrein konnte ich selbst die kleinsten baulichen Barrieren ohne fremde Hilfe mit meinem Rollstuhl nicht überwinden. Diese Erkenntnis war erstmal ziemlich ernüchternd. Man würde mich wohl doch nicht schon nach zwei Wochen für einen Einheimischen halten. Dann musste ich mich eben langsamer an all das ran tasten.

Ganz oben auf meiner Liste stand dabei das thailändische Essen. Überall an der Strasse finden sich kleine Stände im Ein-Mann-Betrieb, bei denen man Essbares erwerben kann. Mal sind das Wägen, die von gebückten kleinen Männchen mit einer Klingel in der Hand die Strasse entlang geschoben werden und mit Obst, Snacks oder Getränken beladen sind. Mal sind es Motorräder, deren angeschweißter Seitenwagen eine gesamte Kücheneinrichtung inklusive Töpfen, Grill und Überdachung enthält. Die werden einfach am Strassenrand geparkt und seitlich auf dem Motorrad sitzend serviert die Besitzerin dann das vorbereitete Essen an die vorbeifahrende Kundschaft – eine kulinarische Praxis die im Feierabendverkehr schnell mal zu kleineren Staus führt. In ruhigeren Gassen stehen einfach festinstallierte, kleine Küchen: Ein kleiner Grillofen, eine Arbeitsplatte, ein Sonnenschirm und ein paar Plastikstühle und -tische für die Sitzkundschaft, und fertig ist das Restaurant. Ist am Nachmittag dann alles an Zutaten aufgebraucht wird der Ofen abgedeckt, das Mobiliar zusammen gestellt und am nächsten Tag geht’s wieder weiter.

Backpacking Thailand Part 2

Menü, Stellenausschreibung oder Kopfgeld? Keinen Dunst.

Wie bekommt man denn nun etwas zu essen, wenn man weder das Menü auf der Tafel lesen kann, keine Bilder da sind auf die man deuten könnte und man die Sprache nicht spricht? Manche Händler machten es einem mit ihren offenen Wägen einfach, auf die Ananas, die Wassermelone oder auf die Hähnchenschenkel auf dem Grill zu deuten und mit den ausgestreckten Fingern eine Menge anzuzeigen. Irgendwann hat man dann aber genug davon, jeden Tag Ananas und Grillhähnchen zu essen. Aber wie soll man dort bestellen, wo das vorbereitete Essen in Töpfen aufbewahrt wird in die man vom Rollstuhl aus nicht gucken kann? Oder dort, wo die Köchin auf eine Bestellung wartet bevor sie mit dem Zubereiten beginnt?

Nach einigen Tagen trieb mich der kulinarische Frust in den Supermarkt im Stadtzentrum, und ich konnte mich bei den Preisschildern endlich wieder in vertrautem englisch zurecht finden. Auf Dauer machte das allerdings keinen Sinn – was blieb mir denn von meinem Vorhaben an der thailändischen Kultur teilzunehmen wenn es schon damit anfing, dass ich mir im Supermarkt Fertiggerichte kaufte? Nach ein paar Tütensuppen war es an der Zeit, der Sprachbarriere den Krieg zu erklären. Wenn ich mir schon ständig wie ein Kleinkind vorkam, dann konnte ich mich wohl auch mal genauso tollpatschig anstellen und zur Not etwas lächerlich machen. Das gehört dann einfach dazu, wenn man sich in einer neuen Kultur einlebt. Bereit, zur Not bei meiner Bestellung Tiergeräusche von mir zu geben und mich gackernd und mit den Flügeln schlagend im Kreis zu drehen wenn es hart auf hart kommen sollte, machte ich mich auf den Weg. Dann sah ich eine ältere kaukasische Dame an einem der Tische sitzen und essen! Das war meine Chance, mich über den Bestellvorgang zu informieren: “Entschuldigen Sie – könnten Sie mir verraten, wie Sie hier ihr Essen bestellen?”. “Ach, das ist ganz einfach. Hier gibt es nur zwei oder drei verschiedene Essen. Sagen Sie einfach nur ob sie Hühnchen, Schwein oder Vegetarisch wollen… so viel englisch spricht die Köchin. Schmecken tut eh alles gut.”

Backpacking Thailand Part 2

Fischerviertel

Ich hatte es mir nach einem spontanen Einfall sogar einfacher gemacht, bin mit einem breiten und hungrigen Grinsen zu meiner Bestellung geschritten und habe dabei einfach auf die Schüssel der älteren Dame gedeutet: “Das selbe!”. Auf diese Technik hätte ich auch eher kommen können. Es kamen zwar ein paar Rückfragen – ich vermute, was die genaue Zusammenstellung meines Essens angeht – aber nachdem ich schon so weit gekommen war, lies ich mich nicht mehr abbringen. Ich beantwortete die kryptischen Fragen einfach wahllos mit Kopfnicken und -schütteln. Und hoffte. Scheinbar hatte ich alles richtig gemacht, denn meine Antworten wurden mit einer  Gemüsesuppe belohnt – einer köstlichen Mahlzeit für nichtmal einen Euro. Von jetzt an sass ich jeden Tag zusammen mit den “restlichen” Thais irgendwo zum Mittagessen. Mal wusste ich bereits was es im Angebot gab, mal deutete ich auf eines der Essen die schon auf dem Tisch eines anderen standen, und bei dem vorgekochten Essen in den  Töpfen beschloss ich einfach wahllos auf einen zu deuten und mich überraschen zu lassen.
Ging dabei jemals etwas schief? Naja, manchmal. Einmal geriet ich an etwas vollkommen undefinierbares (ich tippe auf Niere), einmal erwischte ich statt gekochter Eier schwarze, sogenannte zehnjährige Eier (die genau so rochen wie sie heissen) – und einmal konnte ich die Köchin gerade noch stoppen als sie schon dabei war, mir Hühnerfüsse auf den Teller zu laden.

Backpacking Thailand Part 2

Automobilbegeisterte Makaken

Thailändisch zu lernen stand für mich schon seit Ankunft in Bangkok tagtäglich auf dem Programm. Das kostenlose ‘Memrise’, sowohl eine Internetseite (www.memrise.com) als auch eine App fürs Smartphone, hat das spielerisch und unkompliziert gemacht. Da reichte es eine halbe Stunde am Tag zu investieren. Dabei hatte ich immer ganz bewusst erst direkt vor dem Schlafengehen meine Vokabeln gelernt – so konnten sie im Schlaf direkt verarbeitet und vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis verschoben werden. Pro Tag kam ich so auf etwa 30 neue Wörter. Wenn ich tagsüber lernte, konnte ich mich bei gleichem Zeitaufwand am nächsten Tag nur noch an etwa 10-15 neue Vokabeln erinnern. Mein Vokabular hatte ich ganz bewusst nach einem Baukasten System aufgebaut: anstatt lange, schöne, grammatikalisch korrekte Sätze zu üben die dann in der Anwendung sehr spezifisch wären, wollte ich nur einzelne Wörter und Satzfetzen lernen. Die würde ich dann allgemein verwenden können und mit Gesten ergänzen. Wie ich aber später fest stellte, hatte ich bei meinem eifrigen Studium einen wichtigen Punkt übersehen gehabt: In Thai kann jedes Wort in fünf verschiedenen Tonlagen/Betonungen ausgesprochen werden. Die unterscheiden sich teilweise nur minimal, können aber etwas komplett anderes bedeuten. Ein “Mai” kann zum Beispiel sowohl “nein” als auch “jetzt” bedeuten. In einem kompletten Satz kann ein falsch ausgesprochenes Wort dank des Zusammenhangs sicherlich trotzdem noch verstanden werden. Ich mit meinen einzelnen Wörtern und Satzfetzen konnte aber nicht wissen, ob ich bei der Bestellung eines Essens davon sprach, mein Essen “nicht”, oder “sofort” scharf zu würzen.

Backpacking Thailand Part 2

Besucher #1

Deshalb gab ich die Sprache nach ein paar Wochen wieder auf, und beschränkte mich auf verschiedene Grüsse und Floskeln – ich fand, dass wenn man schon auf das Englisch des anderen angewiesen ist, man doch wenigstens in dessen Sprache grüssen und danken könnte. Im Nachhinein ziehe ich noch heute meinen Strohhut vor all den Einheimischen die genug Englisch sprechen konnten um mich und meine Gesten zumindest ansatzweise zu verstehen.

Backpacking Thailand Part 2

Besucher #2

Während Weihnachten an den unbeeindruckten Thailändern vorüberzog – von der Shopping Mall  abgesehen, die in bester kommerzieller Tradition sämtlichen Weihnachtsschmuck in die sonnigen 30˚ hinausstellte – schien man das gregorianische Neujahr sehr ernst zu nehmen. Was man da an Schlägen durch die Stadt donnern hörte lies mich vermuten: Thailänder böllern nicht, Thailänder sprengen. Neben den klassischen Sylvester-Raketen waren vor allem die fliegenden Laternen – die Khoom Loys – ein interessanter Hingucker. Zum einen waren sie wunderschön anzuschauen, zum anderen war es witzig zu sehen wie die meisten von ihnen nicht weit kamen – entweder die Flamme ging aus und sie stürzten ab, oder sie setzten sich in der Luft gleich selbst in Brand. Gejagt von Kindern, die sich zur Bergung auf die Suche nach der Absturzstelle machten.

Backpacking Thailand Part 2

Besucher #3

Kurz nach Sylvester stand mein Bruder mit seinem Köfferchen vor meiner Tür. Der hatte von der Familie zu Weihnachten ein Flugticket erhalten und würde jetzt erstmal zwei Wochen bleiben. Unser erster Ausflug durch’s Stadtviertel und zum Strand bewahrheitete eine meiner Sorgen: wir waren in unserer Mobilität nicht kompatibel. Ich war wegen den unzugänglichen Gehsteigen darauf angewiesen, auf der Strasse zu fahren, und musste deshalb auch die 12km/h meines Rollis nach Möglichkeit ausfahren um so gut es ging im fliessenden Verkehr zu bleiben. Mein Bruder hingegen schlurfte über die Gehsteige, mit einer Reihe an parkenden Autos die uns permanent trennte. Das war weder sehr gesellig, noch tauglich für die Strecken die ich gewohnt war mit meinem Rollstuhl zurückzulegen: Touren von 20km und mehr waren für mich nichts ungewöhnliches. Als Lösung boten sich mehrere Alternativen an. Wir könnten für längere Strecken ein Tuk Tuk bestellen. Da passte aber mein Rolli nicht rein, und damit wäre ich entweder am Zielort ohne Rollstuhl gewesen (und käme zu Fuss nur ein paar Meter weit). Oder ich wäre auf eigene Faust gefahren während das Tuk Tuk meinen Bruder transportierte. Was wiederum nicht sehr gesellig gewesen wäre und es wäre so auch unmöglich gewesen einfach mal der Nase nach die Umgebung zu erkunden. Wir beschlossen schliesslich für meinen Bruder einen Roller zu leihen. Das brauchte etwas Zuspruch, denn das erste was er damals sagte als er nach 3-stündiger Taxifahrt vor meiner Tür stand war: “Die fahren hier ja wie die letzten Irren!”

Backpacking Thailand Part 2

Links, linker, Fahrradspur

Dazu kommt, dass man in Thailand auf der linken Strassenseite fährt. Ich erinnerte mich noch gut an meine ersten Fahrversuche mit dem Auto in Neuseeland. Es ist zuerst schwer, auf der vermeintlich falschen Seite zu bleiben. Solange man sich darauf konzentrieren kann und auch andere Verkehrsteilnehmer vor und hinter sich als Referenzpunkte hat, ist es einfach. Allerdings ist die Teilnahme am Strassenverkehr so sehr Routine für jeden der schon länger fährt, dass man sehr schnell auf seine gewohnten Muster zurückfällt – gerade wenn es stressig wird, man alleine auf der Strasse unterwegs ist oder die Konzentration nicht voll da ist. Deshalb ist es wichtig, in der Eingewöhnungsphase auf Nummer sicher zu gehen und nichts zu tun das nicht vorher durchdacht wurde: denn auf seine Gewohnheit kann man sich nicht mehr verlassen. Die wichtigsten Punkte:

  1. Vor jedem Abbiegen sucht man sich immer einen Zielpunkt auf der anderen Strasse, auf den man dann zufährt. Gerade beim Abbiegen landet man sehr schnell auf der “falschen” Seite.
  2. Im Zweifelsfall fährt man einfach dem Vordermann hinterher. Der weiss, was er tut. Lieber in die falsche Richtung fahren und wieder den Weg zurück suchen, als einen Unfall zu riskieren.
  3. Wenn man in einer stressigen Situation gerade weder weiss wo hin, und keinen hat dem man nach fahren kann, biegt man immer links ab. Das ist das Einfachste und Sicherste, denn dabei kreuzt man keine anderen Fahrbahnen und es ist unkompliziert weiterhin auf der linken Strassenseite zu bleiben.
  4. Gerade wenn man sich nach ein paar Tagen langsam sicher fühlt passieren die meisten Ausrutscher.

Backpacking Thailand Part 2
Nach den ersten Testfahrten in der Nachbarschaft ging es los. Im normalen Strassenverkehr fuhr mein Bruder einfach hinter meinem Rollstuhl her. Wurde es ländlicher und die Strassen weniger beschäftigt, fuhren wir nebeneinander, was der Unterhaltung sehr zuträglich war. Schon nach einem Tag “on the road” hatte er seine ursprüngliche Meinung über das thailändische Fahrverhalten geändert. Zusammengefasst wurde die Teilnahme am thailändischen Strassenverkehr so: “Das ist ja viel cooler hier zu fahren – jeder macht einfach was er will, und jeder nimmt Rücksicht.”

Wir hatten in Khao Takiab – bei unserem Fahrstil etwa 60 Minuten entfernt – einen Strand gefunden, der perfekt für mich war. Eine betonierte Rampe führte von der Strasse auf den Strand, und der Sand war fest genug um mit dem Rolli gut darauf fahren zu können. Ausserdem gab es dort Sonnenliegen die während der Flut fast direkt im Wasser standen. Das machte es für mich sehr einfach aus dem Meer zu kommen, da ich mich aus dem Wasser einfach graziös auf die Liege hieven konnte. Allerdings mussten wir dafür schon früh da sein, da das Wasser während der Ebbe einen  langen Fussmarsch von der Liege entfernt war.

Aber was macht man mit einem Rollstuhl und all den Wertsachen am Strand, wenn keiner zurück bleiben kann um darauf aufzupassen?

Backpacking Thailand Part 2

Verschlossen, verkettet und verködert.

Die Elektronik meines Rollstuhls kann ich mittels Magnetschlüssel verriegeln – so kann schonmal keiner einfach darin weg fahren. Damit niemand den Rolli davon schieben kann, kommt ein Fahrradschloss um die Vorderräder. Das ist mehr Show als Nutzen, da beim Adventure die Räder einfach per Knopfdruck abgenommen werden können – aber wer weiss das schon am anderen Ende der Welt. Sämtliche Wertsachen kamen in die stabile Seitentasche, und die wurde mit einem gut sichtbaren Kofferschloss verschlossen. Klar, sie könnte immer noch aufgeschnitten werden – aber da kam der letzte Schritt ins Spiel. Auf den Sitzplatz, halbherzig unter einem Badehandtuch “versteckt” lag eine weitere Tasche mit 100 Baht (2,50€) drin. Unsere Idee war, dass jemand im Vorbeirennen den Köder greifen und verschwinden sollte, anstatt Pläne zu schmieden wie an die Seitentasche dran zu kommen wäre. Wirklich passiert ist dann allerdings nie etwas.

Backpacking Thailand Part 2

An einem dieser Strandbesuche beschlossen wir, uns einfach mal den Strand entlang aufzumachen und zu sehen, wo es uns hin führen würde. Nach einigen Minuten hatten wir die Hotels und Touristenansammlungen hinter uns gelassen und es gab immer weniger Menschen zu sehen. Nach einer halben Stunde war ausser uns beiden kein anderer Mensch mehr weit und breit.

Backpacking Thailand Part 2

In einer fremder Kultur baut man am besten Brücken.

Abenteuerlich wurde es, als vor uns ein kleines Flüsschen den Strand entlang ins Meer floss. Der Roller, vorausgeschickt um die Passierbarkeit zu testen, blieb schon leicht im nassen Untergrund stecken. Ich hatte keine Lust, das gleiche mit meinem Rollstuhl zu tun.

Backpacking Thailand Part 2

„Bridge over troubled water…“

Ausserdem durfte die Elektronik in den Antriebsrädern auf keinen Fall in Kontakt mit dem Wasser kommen. Die Weltentdecker in uns waren schon am kapitulieren als uns die Teleskoprampe einfiel, die hinten an meinem Rolli hing und permanent durch die Gegend gefahren wurde. Die war gerade lang genug, um über das kleine Flüsschen zu reichen und so konnte ich in bester Pionier Tradition übersetzen. Hindernisse wie dieses und die Tatsache, dass der Sand kräftig an der Akkuladung des Rollstuhls zog lies mich allerdings hoffen, dass wir am anderen Ende des Tour wieder eine ähnliche betonierte Rampe wie am Anfang finden würden um den Strand zu verlassen. Wir waren schon mehrere Stunden gefahren, und ich hatte nicht genug Vertrauen in meine Akkus um ihnen eine gleich strapaziöse Rückfahrt anmuten zu wollen. Ausserdem wusste ich auch nicht, was in der Zwischenzeit mit dem Flüsschen und einigen anderen Rinnsalen passiert war. Gut möglich, dass sie sich verbreitert hatten und kein Durchkommen mehr bestand.

Backpacking Thailand Part 2

Mit dem idyllischen Khao Tao endete unser Traumstrand. Und wie bestellt war da auch eine Rampe, die mich – wenn auch sehr steil und uneben – wieder auf die asphaltierte Strasse brachte. Es tat gut, die Antriebsräder des Rollis auf diesem ebenen Untergrund wieder leise schnurren zu hören, anstelle des gequälten Vorwärtskämpfens im Sand. Das hatte die Batterien bis hier hin immerhin zur Hälfte gelehrt. Umso besser, dass der Rückweg gemütlich entlang der ebenen Hauptstrasse führen würde. Die musste allerdings erstmal gefunden werden. Unserer Begeisterung über den Traumstrand zum Dank hatten wir beide durch Foto- und Videoaufnahmen die Akkus in unseren Smartphones geplättet. Google Maps oder sonstige Navigations Apps konnten uns also nicht mehr zur Hilfe kommen. Egal, an sich war unsere Aufgabe ja auch leicht: die grosse Hauptstrasse finden und der dann einfach nach Norden folgen. Früher oder später würde uns das wieder nach Hua Hin bringen. Erschwert wurde das durch die Tatsache, dass die einzige Rampe die vom Strand führte Teil einer Baustelle war, am Randbereich eines Neubaugebietes.

Backpacking Thailand Part 2

Keine Spirituosen, sondern eine thailändische Tankstelle

Da gab es dann auch noch keine Schilder und die einzige halbwegs nach Norden befahrbare Strasse stellte sich nach einiger Zeit als Sackgasse heraus. Das wäre jetzt trotz fortschreitender Uhrzeit immernoch noch witzig gewesen – ein elektrischer Rollstuhl, eskortiert von einem Motorroller, beide besetzt von verloren drein guckenden sonnenverbrannten Touristen die allein durch die thailändische Einöde streunern – wäre in der Zwischenzeit meine Akkuanzeige nicht noch mal einen Balken gesunken. Jetzt machte ich mir langsam Sorgen, ob ich es überhaupt noch bis nach Hause schaffen könnte. Aber den Bammel konnte ich mir auch bis zur Abschiedsfeier des letzten Balkens aufsparen. Wie sich herausstellte, hätten wir statt in unsere Sackgasse auf der Strasse einfach in die andere Richtung fahren sollen. Da befanden wir uns schnell auf der gesuchten Hauptstrasse, und konnten endlich den Heimweg antreten.

Backpacking Thailand Part 2

Eine dringend notwendige Autowäsche nach der Tour

Wir hatten noch 15 Kilometer Rückweg vor uns und es war klar, dass wir bei unserer (d.h. meiner) Geschwindigkeit erst nach Anbruch der Dunkelheit zu Hause sein würden. Da half es, sich zurückzulehnen, die Landschaft zu geniessen, und den auf der Ladefläche von LKWs stehenden Bauarbeitern zuzuwinken die beim Überholen neugierig schauten. Ein Zeitvertreib in dem ich mittlerweile Routine hatte.

Buchstäblich kurz vor der eigenen Haustüre bin ich so über eine Plastiktüte gefahren, die unerwarteter Weise doch nicht leer war – das ‘klack klack klack’ das mein Hinterrad anschliessend von sich gab war Grund für einen Notstop. Es stellte sich heraus, dass ich mir bei meiner Plastiktütenüberquerung einen Teil eines hölzernen Essstäbchens in den Reifen gerammt hatte. Wir beschlossen, alles Überstehende zu entfernen, den eigentlichen Splitter aber im Reifen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt wurde das erstmal unbekümmert von mir akzeptiert. Essstäbchen findet man in Thailand ja überall, also warum nicht auch in meinem Antriebsrad. Aber dieses Holzstück sollte über die kommenden Wochen noch Einiges an Chaos verursachen.

Nach zwei Wochen verliess mich mein Bruder wieder Richtung Deutschland. Ich hatte inzwischen beschlossen, meinen Thailand Aufenthalt nach zwei Monaten frühzeitig zu beenden und statt dessen weiter nach Neuseeland zu fliegen. Schliesslich, so meine Argumentation, war ich ja schon auf halben Weg dort. Mein Rückflugticket von Bangkok nach Frankfurt war flexibel gebucht, und ich war eifrig dabei meine vier Wochen in Neuseeland zu planen. In den Nachrichten hörte man zu der Zeit mehr und mehr über die Proteste in Bangkok, und den Plan der Demonstranten den Flugplatz zu besetzen. Ganz toll. Mein Abflug nach Auckland war am 1. Februar, genau einen Tag vor den landesweiten Wahlen. Sollte es also zu Übergriffen auf den Flughafen kommen, würde ich sicherlich eine erstklassige Sicht auf das Ganze haben.

Zwei Tage vor Weiterreise nach Neuseeland begann mein persönlicher Ausflug ins Chaos. Bei einer letzten Einkaufsfahrt blockierten die Antriebsräder meines Rollstuhls plötzlich auf dem Rückweg und die Elektronik piepse mich warnend an, dass etwas nicht stimmte – als hätte ich mir das aufgrund der Vollbremsung und des davon geflogenen Essens nicht denken können. Der Rolli war zu nichts mehr zu bewegen. Ein Neustart sorgte zwar dafür, dass er wieder für ein paar wenige Meter fuhr, dann wiederholte sich das Ganze wieder. Egal. Jede Reparatur musste bis Neuseeland warten. Hier in Thailand konnte ich nicht’s mehr tun. Ich konnte nur hoffen, dass der Rolli lange genug durchhielt um auf die Ladefläche des Taxis zu fahren und mich dann bis zum Check-In Schalter der Fluglinie zu bringen. Das tat er dann auch,  alle paar Meter bremsend und piepsend.

Backpacking Thailand Part 2

Gut verpackt hilft trotzdem nicht

Beim Check-In Schalter erklärte man mir dann, man könne meinen Rollstuhl nicht transportieren, weil das erste meiner drei Flugzeuge – das nach Singapur – zu klein sei als dass der Rolli im Laderaum sicher verstaut werden könnte. Nach all meinem Briefverkehr mit dem Flugveranstalter über Batterietyp, Sicherheitszertifikate, Masse und Gewichte und dem anschliessenden OK schien keiner daran gedacht zu haben mal das Laderaum anzuschauen.

Es schien, als hätten sich die zwei Monate in Thailand all ihren Trubel für die letzten beiden Tage aufgehoben…

 

Bilder und Text ©Michael Herold Safe Creative #1401030108879

4 thoughts on “Backpacking Thailand, Teil 2

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