Backpacking Thailand, Teil 1

Jetzt ist es schon fast einen Monat her seit ich Deutschland verlassen habe, um in meinem Rollstuhl alleine durch Thailand zu reisen. Alles was ich hatte war ein Flugticket, eine Hotelbuchung für zwei Nächte und dem Plan das alles auszuknobeln, wenn ich erstmal dort bin.

Backpacking Thailand, Teil 1

Vor ein paar Jahren hatten mir Freunde Photos von ihrer Reise durch Thailand gezeigt. Ich erinnere mich, wie ich damals dachte: “Von all den Dingen die ich tun kann, wenn ich es mir in den Kopf gesetzt habe – das ist etwas, das werde ich nie können.”

Aber, in der besten Tradition meines bisherigen Lebens sagte ich ein paar Jahre später:
“Ach egal!” – und bin trotzdem los.

Backpacking Thailand, Teil 1

Und was für ein Monat es war. Ich habe Menschen kennengelernt, die mir mein Leben lang erhalten bleiben werden. Ich habe mich mit einer Bande von Äffchen angefreundet (indem ich einen Korb Essen spendiert habe) und einem Baby Elefanten. Ich habe Dinge gegessen von denen ich nicht wusste, dass man sie essen kann – und weiss bei vielen bis heute nicht, was das eigentlich war. Ich bin stundenlang in meinem Rolli herumgefahren und habe mir buddhistische Tempel, Strände und Märkte angesehen.

Aber es lief nicht alles rund. Als ich meinen elektrischen Rollstuhl am Flughafen in Bangkok wieder in Empfang genommen habe, war er schon beschädigt. Nichts, was ich nicht reparieren konnte – aber wäre der Schaden grösser ausgefallen, wäre das Abenteuer vielleicht schon am ersten Tag vorüber gewesen. Backpacking Thailand, Teil 1
Bangkok, mein erstes Reiseziel, hat es mir unmöglich gemacht herumzukommen. Die Bordsteine hatten meistens Rampen um darauf zu fahren. Das war schonmal gut, da die Bordsteinkanten viel zu hoch für mein Fahrgestell waren. Aber hin und wieder stand eine Werbetafel oder ein Blumentopf mitten im Gehweg, und dann musste ich meistens umkehren und einen neuen Weg finden. Selbst die Versuche, Umwege über Seitenstrassen und Parkplätze zu nehmen, liessen mich einfach nicht an mein Ziel kommen. Der Gedanke, auf der Strasse zu fahren kam mir überhaupt nicht – zwei oder vierspurige Strassen, mit Fahrern deren Hang zu Verkehrsregeln bestenfalls zufällig war? Ich wäre in kürzester Zeit ein roter Fleck in der Landschaft gewesen.

Also habe ich statt dessen am nächsten Tag ein Taxi nach Khao Takiab, 3h weiter südlich, gerufen. Ein Freund hatte mir empfohlen, eine transportable, zusammenklappbare Rampe mit nach Asien zu nehmen. So könnte ich meinen Rollstuhl dann auf die Ladefläche normaler Taxis fahren. Damit war ich viel flexibler, und nicht auf speziell ausgerüstete Rollstuhl-Taxis angewiesen. Ich habe jetzt die 2m Rampe jederzeit bei mir (mit einer hausgemachten Halterung hinten am Sitz angebracht), nur für den Fall, dass ich irgendwo Stufen zu überwinden habe und es keinen anderen Weg gibt. Es ist ein ziemlicher Akt die Rampen aufzubauen (und die Dinger wiegen insgesamt 8kg, also könne ich es gar nicht alleine), deshalb ist das wirklich nur für Notfälle.

Khao Takiab ist ein kleiner, ruhiger Ort mit vielen Restaurants (vor allem Fisch und Meeresfrüchte), Supermärkten und Bars zu denen ichBackpacking Thailand, Teil 1 problemlos fahren konnte und oft sogar rein kam – vorausgesetzt sie hatten keine Stufen. Das trifft vielleicht auf einen von vier Läden zu. Zugegebenermassen keine tolle Quote. Aber es bedeutete, dass ich all die Dinge kaufen konnte die ich brauchte, und ausgehen konnte wenn ich Lust darauf hatte. Der Ort ist so klein, dass ich mich nicht um Gehwege habe kümmern müssen, sondern einfach auf der Strasse fahren konnte wie jeder andere auch. Ich musste mich wieder daran gewöhnen, auf der linken Strassenseite zu fahren, aber nach zwei Jahren in Neuseeland kam das sehr schnell zurück. Der Strand war nur 200m von meinem Hotel entfernt, und sogar rollstuhltauglich. Vorausgesetzt es war Ebbe und der Sand war nass und deshalb fest.

Backpacking Thailand, Teil 1So weit, so gut. Es wurde Zeit mich niederzulassen, etwas Bräune anzusetzen und zu arbeiten. Immerhin war der Plan ja nicht, wie ein fotogetriebener Tourist mit einer langen Liste an Sehenswürdigkeiten durch Thailand zu rennen, sondern das selbe zu tun wie zu hause auch: zu arbeiten, auf meine Gesundheit zu achten und das Leben zu geniessen.

Aber ich habe auch gleichzeitig nach einer neuen Unterkunft suchen müssen. Denn so preiswert das Hotel auch war, es lag trotzdem noch über meinem Budget. Immerhin wollte ich nicht ein paar Wochen in Thailand bleiben, sondern Monate. Also habe ich wieder angefangen, im Internet nach bezahlbaren Wohnungen zu suchen. Es ist praktisch unmöglich, auf diese Weise heraus zu finden, ob ein Gebäude ebenerdig ist. Das bedeutete, dass ich es selbst herausfinden musste indem ich es hinfahre. Ich hatte bald eine Liste mit Kandidaten, die ich anschauen wollte – aber nicht viele, denn die Weihnachtszeit stand vor der Tür und das meiste war schon ausgebucht. Daran hatte ich vorher nicht gedacht, und es hat mich ziemlich nervös gemacht. Sogar das Hotel in dem ich lebte war für die Zeit schon belegt, also musste ich etwas anderes finden.

Fast alles was ich online gefunden hatte lag in der Stadt Hua Hin, das Zentrum davon war etwa 10km von meinem Hotel entfernt. Ausgerüstet mit meiner Adressliste und jeder Menge Sonnencreme bin ich los gezogen um sie abzuklappern.

Backpacking Thailand, Teil 1

Das bedeutete, dass ich früher oder später auf der grossen, vierspurigen Hauptstrasse mit jeder Menge Verkehr fahren musste – die einzige Strasse die in die Stadt führte. Ein Taxi zu nehmen wäre eine Möglichkeit gewesen, aber ich wollte nicht jedes mal zahlen müssen wenn ich eine längere Strecke vor mir hatte. Ausserdem wurde es Zeit, mich meinen Sorgen zu stellen, oder ich würde nie viel herum kommen.

Backpacking Thailand, Teil 1Und wisst ihr was? Es war überhaupt kein Problem. Ich fuhr immer direkt am Strassenrand, so dass Roller und sogar Autos problemlos überholen konnten, ohne mir zu nahe zu kommen. Nach den ersten 20 Minuten Schocktherapie und Gewöhnung war es direkt einfach! Jetzt frage ich mich, ob ich das selbe auch in Bangkok hätte tun können? Aber ich glaube nicht. Bangkok war eine ganz andere Liga.

Nach zwei Tagen Suche fand ich eine kleine Wohnung in einem Apartmenthaus, mit Aussicht auf die umliegenden Berge und nahe am berühmten Nachtmarkt.

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©www.tiratiraahuahin.com

Es ist relativ rollstuhlgerecht, nur ohne die üblichen Armaturen usw. Für mich war das in Ordnung, ich wollte nur in der Lage sein, mit meinem Rollstuhl direkt in die Wohnung zu fahren um ihn dort aufzuladen – und ihn nicht auf dem Parkplatz draussen stehen lassen. Aber das Gebäude hat sogar eine vollausgerüstete behindertengerechte Wohnung mit allem was dazu gehört – sogar einem Lift in den Pool. Vermietet von zwei sehr netten Leuten bei www.gehandicapten.com (ich kriege nichts dafür, das zu erwähnen – aber ich denke es ist eine tolle Wohnung und grossartige Vermieter).

Backpacking Thailand, Teil 1Ich reise ohne Koffer, dafür aber mit einer stabilen Tatonka Duffel Tasche die auf meinen Schoss passt. Das bedeutet, dass ich alles selbst transportieren kann. Ich muss mir keine Sorgen darüber machen, wie ich ohne fremde Hilfe einen Koffer von A nach B bekomme. Der Nachteil ist, dass die Tasche nur 45l fasst, was etwa die Hälfte eines normalen Koffers ist. Aber in diesem tropischen Klima brauchte ich eh nicht so viel mit zu bringen.

Jetzt bin ich erstmal gut eingelebt, und nach der ganzen Umzieherei und Wohnungssuche freue ich mich auf etwas Ruhe und Frieden.

 
Nachtrag:Hier geht’s zu „Backpacking Thailand, Teil 2“

Backpacking Thailand, Teil 1

Bilder und Text ©Michael Herold (ausser anders angegeben)  Safe Creative #1401030108879

5 thoughts on “Backpacking Thailand, Teil 1

  1. Danke für den Thailand-Tipp, das merke ich mir! Ich habe auch schon mal meinen Rollstuhl wirklich völlig demoliert aus einem Flieger zurückbekommen, nach zwei Tagen stand er dann provisorisch verschweißt wieder vor mir und hat immerhin für die Dauer des Aufenthalts und die Rückreise gehalten. Ich freue mich schon auf weitere Thailand-Impressionen!

      • Hej Michael,
        vor Ort war das ein bisschen chaotisch, denn es war eine winzige Karibik-Insel und allein, dass ich meine Reise ohne den Rollstuhl nicht weiter fortsetzen konnte, hat alle im Flughafen ein bisschen in Erstaunen versetzt. Ich habe dann drauf gedrungen, dass der Schaden aufgenommen wird und endlos viele Formulare ausgefüllt. Wieder in Deutschland hat die Fluggesellschaft anstandslos alles übernommen, das lief wirklich super. Ich hatte wirklich Glück, aber es war auch ein Aktivrollstuhl mit Retkraftverstärker, da kann man wirklich noch was basteln, wenn es kaputt ist. Jetzt mit dem Elektrorollstuhl ist das alles schon schwieriger… ich weiß jetzt immerhin, dass ich in Länder ohne Reperaturwerkstätten meines Herstellers nie mehr ohne zweites Ladegerät reisen würde.

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