7 Gründe warum ich meine Behinderung liebe

Ich dachte lange, mein Leben wäre toll trotz meiner Behinderung. Später habe ich erkannt, dass mein Leben gerade wegen meiner Behinderung so ist wie es ist. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.

7 Gründe warum ich meine Behinderung liebe
Mein Leben wäre ganz anders verlaufen wenn ich nicht behindert wäre. Und ich glaube im direkten Vergleich habe ich das bessere Los gezogen. Das basiert zum grössten Teil auf meiner klischeehaften Meinung, wie mein “normales” Leben ausgesehen hätte. Und ich gebe zu, dass ich es mir unter Umständen absichtlich etwas langweilig vorstelle.

Aber anstatt darauf noch länger einzugehen, gebe ich euch 7 Gründe warum ich meine Behinderung liebe:
 

  1. Und tschüss, Komfortzone
  2. Meine Behinderung hält mich ständig ausserhalb meiner Komfortzone. Wortwörtlich die ganze Zeit. Ich weiss mittlerweile gar nicht mehr, wie meine Komfortzone von innen überhaupt aussieht. Sie ist so klein, wahrscheinlich hat die Katze sie schon gefressen. Es passiert mir praktisch täglich, dass ich auf ein Problem stosse von dem ich denke: “Ich habe keine Ahnung, wie ich das jetzt wieder löse!”. Und dann ist da immer der Gedanke: “Dies und das könnte schief gehen, und dann sitze ich echt im Schlamassel.” Klar, viele Menschen denken das. Aber mit einer Behinderung sind die Grössenverhältnisse ganz anders. Die alltäglichsten Kleinigkeiten können ein gewaltiges Problem darstellen: Eine Treppe vor der Arztpraxis. Kein Parkplatz in der Nähe des Kinos. Eine Stufe ohne Geländer im Restaurant.

    Irgendetwas geht immer schief.

    Ich habe mich einfach daran gewöhnt, ausserhalb meiner Komfortzone zu leben. Ich habe gelernt, mir über Probleme erst dann einen Kopf zu machen wenn sie auftreten. Mit der Zeit verliert man seine Ängste und Sorgen. Es wird sehr, sehr friedlich da draussen.
     

  3. Herausforderungen, täglich frisch serviert!
  4. Selbst die kleinsten Tätigkeiten können fast unmöglich erscheinen. Etwas so einfaches und alltägliches wie Einkaufen, oder aus dem Auto zu steigen wenn die Strasse rutschig ist, sind grosse Herausforderungen, die irgendwie gelöst werden müssen. So habe ich sehr früh gelernt, unkonventionell zu denken um mit den kuriosesten Alltagsproblemen zurecht zu kommen.

    Der grosse Vorteil dadurch ist, dass wirklich “grosse” Herausforderungen, wie z.B. das Land zu verlassen, mehr oder weniger genau das selbe sind: Herausforderungen, die sich irgendwie immer lösen lassen. Genauso wie das Einkaufen oder aus dem Auto zu steigen. Eigentlich kein Unterschied. Ausser vielleicht, dass “grosse” Herausforderungen oft sogar einfacher zu lösen sind.
     

  5. Ich habe gelernt mich auf meine Stärken zu konzentrieren, und nicht auf meine Schwächen
  6. In unserer Gesellschaft ist meistens das Gegenteil der Fall. Wir lernen das schon in der Schule: wenn man überall durchschnittlich ist, ist das irgendwie schon ok. Aber wenn man in einem Fach brilliant ist, und eine totale Niete in einem anderen – was wird dann jeder zu einem sagen?… “Du musst an deiner Schwachstelle arbeiten.” Das ist die landläufige Meinung – aber es macht keinen Sinn!

    Ich habe nie so gedacht. Meine Stärken und Schwächen waren schon immer klar definiert. Und es gab nichts, was ich gegen meine Schwächen hätte tun können. Ich konnte all meine Anstrengungen auf die Dinge konzentrieren in denen ich gut war – und besser werden.
     

  7. Ich werde ständig daran erinnert, eine positive Einstellung zu haben
  8. Dieser Punkt wird sich erst mal selbstverliebt anhören: Ich stehe meistens im Mittelpunkt. Jeder schaut mich an. Man sieht nicht oft einen jungen Mann im Rollstuhl, oder mit einer Krücke laufend, oder umständlich von einem Stuhl aufstehen. Ich habe das früher gehasst. Ich dachte, jeder würde meine Unzulänglichkeiten verurteilen. Jetzt denke ich anders – ich weiss, dass die Leute einfach nur neugierig sind. Ich meine, ich stehe doch wirklich heraus. Und jetzt mache ich das Beste daraus. Ein Freund sagte mal, dass ich wie eines dieser grossen Werbeplakate bin, die eine ganze Häuserfasade bedecken: jeder der daran vorbei kommt schaut darauf. Aber hier ist der Punkt: Es liegt ganz alleine an mir, was sie sehen! Ein griesgrämiger Mann, der ruft “Was glotzt ihr so!?” – oder aber ein offenes Lächeln, ein Winken und ein “Hi, na wie geht’s?”. Nachdem jeder sowieso hinschaut, kann ich ihnen genauso gut auch etwas positives zum Anschauen geben.

    Mit der Zeit wurde daraus eine Art Rückkopplung – wann immer mich jemand anstarrt, denke ich positiv, und lächle und winke. Und da ich oft angestarrt werde, denke ich oft positiv, und lächle und winke ziemlich oft. Es gibt schlimmeres im Leben.
     

  9. Die Behinderung macht mich ansprechbar
  10. Der erste Teil dafür ist die oben genannte Neugierde, der zweite meine offen lächelnde und winkende Antwort darauf. Der dritte Teil ist die Tatsache, dass ich keine Gefahr darstelle. Also im physischen und gesellschaftlichen Sinne, meine ich. Es ist bisher nur eine meiner Theorien, aber ich glaube ich bin da auf etwas gestossen.

    Stellt euch mal vor, mit einem 120kg Kampfsport Veteranen im Aufzug zu stehen. Ihr werdet vermutlich auf eure Füsse schauen und keinen Mucks machen. Seit ihr im Aufzug mit einer unglaublich schönen Frau, sagen die Männer unter euch vermutlich kein Wort (bis ihr aussteigt, “Verdammt!” ruft und den Kopf gegen die Wand haut). Aber steigt in einen Aufzug mit mir, und in neun von zehn Fällen ist das erste was ihr sagt: “Warum die Krücke? Skiunfall?” Kinder fragen mich, wozu die Knöpfe an meinem Rollstuhl da sind. Die Eltern sagen Hallo und wir quatschen. So ansprechbar ist man nicht, wenn man ein Kampfsport Veteran oder eine Schönheitskönigin ist.

    (Um das wissenschaftlich zu testen ist mein Plan, sowohl Kampfsport Veteran und auch Schönheitskönigin zu werden – ich bin mir über die Reihenfolge noch nicht im klaren – und dann zu schauen was passiert.)
     

  11. Man erinnert sich an mich
  12. Es ist fast unmöglich für mich, in ein Geschäft, Restaurant, Hotel, usw. zu gehen ohne wiedererkannt zu werden. Ich bin mal nach Jahren wieder in ein Sushi Restaurant, in dem ich nur einmal zu vor war. Ich wurde mit “Hallo, sie wieder hier ah!” begrüsst.

    Ich glaube, wenn ich in irgendeinen Laden zehn Jahre später wieder gehe, selbst wenn ich Sonnenbrille, aufgeklebte Augenbrauen, eine Clown Nase, Vollbart und eine rosa Perücke tragen würde, würden die sagen: “Sie sind wieder da! Wie geht es Ihnen?”
    Warum ist das etwas gutes? Weil ich meistens einen guten Eindruck hinterlasse wenn ich irgendwo bin. Wenn ich dann zurückkomme, eilt mir mein guter erster Eindruck voraus. Ich bin nicht “Hallo Herr Unbekannt.”, ich bin „Willkommen zurück, Herr netter Mensch.”

    Randnotiz: wenn ihr auch eine Behinderung habt, euch aber wie ein unhöflicher Volltrottel aufführt, funktioniert dieser Punkt wahrscheinlich nicht zu euren Gunsten.
     

  13. Meine Behinderung erinnert mich daran, dass die Zeit davon läuft
  14. Ich schliesse mit einem Punkt, der sehr düster ist: Die Zeit läuft davon.

    Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass meine Form der Muskelerkrankung meine Lebenserwartung nicht beeinflusst. Ich werde alt werden wie jeder andere auch. Aber die Erkrankung schreitet stetig voran. Es ist ungewiss, wie viel ich mich in ein paar Jahren noch bewegen kann, und wie viel ich dann noch selbstständig tun kann. Ich finde, das ist etwas sehr wertvolles. Das denke ich wirklich. Denn deswegen sehe ich keinen Grund, jemals etwas aufzuschieben. Die alte Frage: “Mache ich das jetzt? Oder irgendwann später?” stellt sich mir einfach nicht. Denn ich weiss nie, ob ich es in ein paar Jahren überhaupt noch könnte. Wenn ich ein neues Abenteuer entdecke das ich gerne erleben möchte, frage ich mich nicht wann ich es tun werde. Ich frage mich, wie bald ich es tun kann. Ich folge immer meinem Herzen.

    Es gab eine Zeit, da konnte ich Fahrrad fahren, und Motorroller, und viele andere Dinge. Das kann ich heute alles nicht mehr. Ich habe nicht mehr genug Kraft dafür. Und das ist ok. Was nicht ok ist, ist etwas nicht zu tun weil ich mir sage, ich kann das irgendwann später mal machen. Wenn ich einen grossen Stapel Arbeit vor mir habe, Abgabefristen anstehen und ich schaue aus dem Fenster und sehe einen wunderschönen sonnigen Tag – dann gehe ich spazieren. Zum Geier mit der Arbeit, die Arbeit wird’s immer geben. Aber wer weiss, wie lange ich noch spazieren gehen kann.
    Ihr habt wahrscheinlich die Ironie entdeckt: das gleiche gilt für jeden anderen Menschen auch. Wer weiss schon, wie lange wir noch Zeit haben, all die Dinge zu tun die wir wollen?

    Und das ist, was ich am meisten an meiner Behinderung liebe: jeden Tag, jede Stunde, erinnert sie mich daran.

 
Es ist schwer zu sagen, wie mein Leben aussähe wenn ich nicht behindert wäre. Aber ich hätte sicher viele dieser Lektionen nie gelernt – oder jedenfalls nicht so früh. Meine Vermutung ist, dass ich einen Job hätte der mir wenig bedeutet ausser, dass er meine Rechnungen bezahlt. Ich würde mein Geld in Bausparpläne und Altersvorsorge stecken, und wenn ich in 30 Jahren in Rente ging vielleicht ein bisschen reisen.

Ich denke an diesen Michael in einem anderen Universum, und schaue auf die Hügel von Hua Hin die sich vor mir erstrecken, die Spitzen eines Tempels, die aus dem Wald ragen. Und ich hebe mein Singha Bier im Salut auf mein Leben, und danke meiner Behinderung dafür, dass sie da ist.

 

Text ©Michael Herold  Safe Creative #1401030108879
Bild ©Natalie Dee

2 thoughts on “7 Gründe warum ich meine Behinderung liebe

  1. Hallo lieber Michael,ich habe eben den Artikel über Dich im Publik Forum gelesen: RESPEKT !!! 😉😊 Ein paar Sätze von Dir darin werde ich gleich in mein Gelassenheits-Alltagsbewältigungssystem übernehmen ( . . . dem Körper einfach keine Gelegenheit geben,auf MEMME zu machen !. . .) na,dann wünsch ich Dir eine frohe neue Woche. Gisela

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